zu wandeln, und sich gegenüber dem glänzendsten Gnadenbeweis des Augustus gefühllos zeigen? Nein, in diesem Falle würde sich die vornehmste Gestalt in Corneilles Cinna, die der Dichter mit den glänzendsten Farben ausgestattet, unsere aufrichtige Teilnahme verscherzen, ihr Character würde in unseren Augen eine bedeutende Einbusse erleiden. Jetzt, nachdem Augustus den Ver- schwörern die Hand zur Versöhnung geboten, kann auch Emilia nicht umhin, auszurufen:
..... Sterben wird mein Hass, den ich Unsterblich glaubte; sieh', er ist schon tot, Dies Herz wird dein getreuer Unterthan, Das vor des Hasses Wut erschrickt, es strebt Dahin, dass es mit Eifer jetzt dir diene ¹)!
Fulvie. Fulvia, der Vertrauten Emilias, fällt mit Julia in„Horace“ die Aufgabe zu, ihrer Herrin mit ihrem Rate zu dem Zwecke zur Seite zu stehen, um zu verhüten, dass diese im Bewusstsein ihrer gerechten Sache in ihrem ungestümen Eifer soweit sich hinreissen lässt, dass die„bienséance“ dadurch gefährdet wird, und Empfindungen in ihr Platz greifen, die mit der Etiquette nicht im Einklang stehen. Sie unterzieht sich dieser ihrer Aufgabe in ungemein schonender Weise, indem sie durch Zugeständnisse, die sie ihr hinsichtlich ihres Verhaltens macht, diese von der Richtigkeit ihrer eigenen Meinung und Denkart zu überzeugen sucht. So gibt sie I, 3 gern die Berechtigung ihres Hasses gegen Augustus zu; zeige sie sich durch diesen grossen Plan des Mannes würdig, dem diese Rache gelte. Gleichwohl möge sie ihren Zorn, so gerecht derselbe auch sei, beschwichtigen, zumal sie ja in der Reihe der von Augustus geehrten Persön- lichkeiten eine hervorragende Stellung einnehme. Als dem gegenüber Emilia sich darauf beruft, dass sie dem Feinde Wohlthaten durch Undank entgelten dürfe, da entgegnet ihr mit Recht Fulvia vorwurfsvoll:
Warum dich so mit deinem Undank brüsten,
Kannst du nicht hassen, ohne Hass zu zeigen ²)? Doch weder dieser Einwand, noch der Hinweis auf das Verderben, dem Cinna entgegengehe, kann Emilia bestimmen, auf dem betretenen Wege zurückzuweichen.
Polyeucte.
Pauline. In dem Drama„Polyeucte“ zeichnet uns der Dichter in Paulina eine Helden- gestalt, die selbst frei von einer momentanen Verirrung Emilias im Kampfe des Lebens unentwegt den geraden Weg der Pflicht wandelt und mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit die dem Gatten gelobte Treue zu bewahren unablässig bemüht ist. Gleich den übrigen pretiösen Characteren Corneilles sucht auch sie in dem Conflict, in den sie, die das Bild eines wackeren Römers stets
1) V, 3, v. 63 sqd. Ma haine va mourir, que j'ai crue immortelle; Elle est morte et ce coeur devient sujet fidèle; Et, prenant désormais cette haine en horreur, L'ardeur de vous servir succède à sa fureur.
2) I, 2, v. 33 sq. Quel besoin toutefois de passer pour ingrate?
Ne pouvez-vous hafr sans que la haine éclate? I, 2, v. 9. Mais encore une, fois, souffrez que je vous die erinnert an den Etiquettenstil, ebenso: I, 2, v. 63. Pensez mieux, Emilie, à quoi vous l'exposez;
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