17
steigen, lassen den pretiösen Character dieser Hilfsfigur, die Sabina gern in einem andern mit ihrem Verhalten contrastierenden Iächte erblicken möchte, zur Genüge erkennen.
Gewaltig wogt es angesichts des drohenden Unheils(I, 1) in Sabinas Brust, als sie im Gespräche mit ihrer Vertrauten Julia ihrem gepressten Herzen Luft macht. Diese erinnert sie jedoch daran, dass einem grossen Herzen solche Schwäche nicht zieme, dass es vielmehr selbst bei zweifelhaften Erfolgen Hoffnungen und Wünsche hegen müsse, die einer Römerin würdig seien ¹). Auf Sabinas Entgegnung, dass dieser Name sie für die Heimat nicht gefühllos machen dürfe, gibt Julia ihrer Ueberraschung über eine solche Sprache Ausdruck, da sie seither die heiligsten Interessen der Gattenliebe aufzuopfern schien; auch habe sie im Gegensatz zu Camillas Unent- schlossenheit stets standhaften Römersinn bewahrt ²).
Auch in ihren Beziehungen zu Camilla tritt so recht der pretiöse Character Julias in dem ängstlichen Streben zu Tage, Camilla für Rom auf alle Weise zu erhalten. Die Mittel aber, deren sie sich hierbei bedient, lassen die geringe Wahrscheinlichkeit des Gelingens durchblicken, zumal dieselben für eine Römerin, der jede Treulosigkeit fremd sein soll, ganz und gar verwerflich sind; dies letztere Moment lässt uns zugleich nicht in Ungewissheit darüber, dass auch Julia keine Römerin ist, sondern der Aristokratie des 17. Jahrhunderts angehört, die es sich angelegen sein lässt, den Schein der Idealität um sich zu verbreiten.
Cinna.
a) Emilie. In Emilia betritt eine Römerin die Bühne, die das herbe Wesen des alt-römischen Characters zu bewahren bestrebt ist. Nicht vermochten die Jahre, nicht des Augustus Milde und Wohlthätigkeit die Flamme des Zornes zu ersticken, die noch in ihrem Innern hell auflodert. Der Tod des Vaters erheischt bittere Rache! Und wie eine Lucretia die Ihrigen auffordert, ihre
1) Die Sprache der Vertrauten Sabinas trägt schon in deren ersten Begegnung mit Sabina den Character des „Pretiösen“, die sich darin gefällt, in schonender, rücksichtsvoller, umschreibender Manier ihrer Meinung Ausdruck zu geben.
I, 1, 15 sqd. C'en est peut-être assez pour une äme commune Qui du moindre péril se fait une infortune; Mais de cette faiblesse un grand coeur est honteux; Il ose espérer tout dans un succès douteux.
Ein solches Verhalten geziemt sich vielleicht für Alltagsmenschen: pour une àme commune, d. i. qui appartient à plusieurs, die bei der geringsten Gefahr ein Unheil fürchten; ein grosses Herz„un grand coeur“(wie Sabina) dagegen schämt sich dieser Schwäche; die Hoffnung hält es aufrecht im zweifelhaften Erfolg.
2) I. 1, 95. Qu'on voit naitre souvent de pareilles traverses, de parailles traverses(cfr. I, 1, vv. 11, 133, I, 2, v. 45, III, 4, v. 1)= Querstriche, Widerwürtigkeiten, wodurch der Begriff des Leides, das Sabinas Gemüt bewältigt, gemildert werden soll. Pretiösen Umschreibungen begegnen wir in:
I, 1, v. 101 sqd. Lorsque vous conserviez un esprit tout romain, Le sien irrésolu, le sien tout incertain, De la moindre melée appréhendait l'orage, De tous les deux partis détestait l'avantage. Au malheur des vaincus donnait toujours ses pleurs, Et nourrissait ainsi d'éternelles douleurs.
In v. 102 ist der Begriff incertain als des schwächeren, der nach irrésolu abfällt, schon in ersterem ent-
halten. Man vergleiche ferner vv. 103— 106.


