Aufsatz 
Pretiöse Charaktere und Wendungen in Corneilles Tragödien / von A. Rudershausen
Entstehung
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16 sucht sie des Richters Machtwort gegen sich zu lenken; durch ihren Tod werde ihres Gatten Pein vergrössert und ihrer Schmerzen Uebermass beendet: Denn wie könne sie den umarmen, der ihr ganzes Haus getötet, wie den hassen, der den Seinen, dem Staate, dem Fürsten gut diente? Dieser Tod sei ihr um so süsser, als sie dadurch den Gatten von der Schmach befreie, den Zorn der Götter besänftige, der Schwester Manen befriedige und schliesslich Rom einen so vortrefflichen Verfechter seiner Sache erhalte.

b) Camille. Auch bei Camilla gibt sich der pretiöse Character darin zu erkennen, dass sie in dem Conflict, der zwischen Alba und Rom entbrannt ist, Besorgnis hegt, den Character der Würde, den sie darstellen will, nicht mehr zur Schau tragen zu können, und das um so weniger, als sie durch die angeblichen Beziehungen zu Valère in einen neuen Conflict gedrängt wird.

Nicht stehe ihr Schmerz, so erklärt sie ihrer Vertrauten, der sie angesichts der bevorstehenden Ereignisse erfülle, demjenigen Sabinas nach ¹). Als nun gar Julia die Grösse ihres Schmerzes mit dem Hinweis auf den Wechsel des Geliebten abzuschwächen versucht, da wallt es in Camillas Innern gewaltig auf²); entrüstet sucht sie den Vorwurf, ihr Herz schlage nicht mehr für Curiaz, zu entkräften ³). Ihre Liebe zu Curiaz ist nicht vermindert, ja sie lodert um so mächtiger auf, je gewisser das Los ist, das letzterem beschieden. Camilla beschwört daher ihren Geliebten, nicht auf Kosten ihres Glückes das Wagestück zu unternehmen, denn nichts fehle mehr an seinem Ruhm; sein Name sei berühmt geworden durch glänzende Waffenthaten, und Alba sei dadurch stark und mächtig geworden(II. 5). Als daher Sabina(III, 4) ihren herben Seelen- schmerz missbilligt, indem ihr Leid dem ihrigen doch weit nachstehe, erhebt Camilla dagegen Einsprache, indem ihr Sabinas Schmerz im Vergleich zu dem ihrigen als Traum erscheine.

c) Julie. Julia, die die Schwäche in Sabinas Verhalten fühlt, liegt als deren Vertrauten die Aufgabe ob, diese als Römerin zu rehabilitieren. Die Art und Weise, wie sie dies versucht, die Besorgnis, die sie bei dieser Mission erfüllt, die Bedenken, die ihr bezüglich des Gelingens derselben auf-

s. V, 3, v. 19 26, der sich teils in der Abschwächung des betreffenden Ausdruckes V, 3, v. 19, teils in einer fein gewählten Metapher(V, 3, v. 21 sq. dont l'epée de toute ma famille a la trame coupée!) teils in Um- schreibungen(v. 21 zu vergl. mit 25) kund gibt. V, 3, 21. l'excès de mes tristes ennuis: Das Uebermass ihres seelischen Zwiespaltes nennt sie schlechthin tristes ennuis(cfr. les déplaisirs de mon äme I, 1, vv. 11, 133, I, 2, v. 45, III, 4, v. 1). 1) I, 2, v. 2. Croit-elle ma douleur moins vive que la sienne, v. 7 sd. Je verrai mon amant, mon plus unique bien Mourir pour son pays, ou détruire le mien.

2) Pretiös ist der Ausdruck mon plus unique bien in I, 2, v. 6 ähnlich uns.: mein einzigstes Gut; im Uebrigen ist diese Verbindung von unique mit plus oder moins ungebräuchlich(Volt. Comment. sur Corn. remarq. s. J. Horaces). Einer pretiösen Wendung begegnen wir ferner in: I, 2, v. 16 sd. Donnez-moi des conseils qui soient plus légitimes Et plaignez mes malheurs sans m'ordonner des crimes.

3) Voltaire findet einen grossen Fehler daxin(cfr. Voltaire, commentaire sur Corneille, remarq. s. l. Horaces), dass I, 2, v. 41 44 derselbe Gedanke in vierfacher Form ausgedrückt sei. Diese Erscheinung erklärt sich indes aus dem umschreibenden pretiösen Stil, den Corneille auf Schritt und Tritt in seinen Tragödien anwendet:

I, 2, v. 41 sdd. Un meéme instant conclut notre hymen et la guerre, Fit naitre notre espoir et le jeta par terre, Nous ôta tout, sitôt qu'il nous eut tout promis; Et, nous faisant amants, il nous fit ennemis.