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Sabina, albanischen Ursprunges, aber als Horazens Gattin zugleich römischer Nationalität, durch den Zwist, der Rom und die Mutterstadt entzweit, in einen gewaltigen Conflict gedrängt, ist ängstlich bemüht, in dieser peinlichen Situation jenen Character zu bewahren und zur Schau zu tragen, der der Würde einer Römerin wohl anstehen dürfte. In ihrem Innern wogt es heftig bei dem Gedanken an die Niederlage des einen und den Sieg des anderen Teiles der streitenden Parteien. Doch diese Unruhe sucht sie, soweit sie dieselbe nicht derart niederzuhalten vermag, dass sie in ihrem Antlitze sich wiederspiegelt, in der Unterredung mit Julia zu rechtfertigen und des ihr anhaftenden Makels zu entkleiden. Mit der Bitte, ihren Schmerz verzeihlich finden zu wollen ¹), ergeht sich Sabina in Reflexionen über die Seelenstärke der Frau, die sie hin- länglich in ihrer peinlichen Lage bethätige; werde doch
a) angesichts solcher gefahrdrohenden Stürme auch der unerschrockenste Mut erschüttert ²),
b) der unbeugsamste Mannesmut nicht ohne gewisse Unruhe seinen Mut bewähren können,
c) sende sie gleichwohl auch zum Himmel ihre Seufzer, so sollten doch keine Thränen ihr Auge netzen.
Das„Pretiöse“ des Wesens Sabinas, die gern anders scheinen möchte, als sie ihrem Empfinden nach in der gegebenen Lage ist, geht klar aus ihrer ferneren Unterredung mit ihrer Vertrauten Julia hervor, indem sie:
a) das eheliche Band als eine sklavische Fessel betrachtet, wenn hierdurch die Gefühle gegen Alba, ihr teueres Heimatsland, den Gegenstand ihrer Liebe, wo sie zuerst das Licht schaute, unterdrückt würden,
b) den Vorwurf einer verräterischen Gesinnung durch eine solche Gefühlsäusserung mit der Aufforderung zurückweist, Rom möge sich hassenswerte Feinde machen;
1) I, 1, v. 1. Approuvez ma faiblesse, et souffrez ma douleur: statt des einfachen Ausdruckes approuvez ma douleur hebt Corneille in pretiöser Manier zuvörderst die Schwäche hervor, die in dieser Affectäusserung liegt, und bittet zunächst um Nachsicht hierfür.
2) Die Schwäche in Sabinas Verhalten wird in ein milderes Licht gestellt:
a.) durch den Hinweis auf das Verhalten jener, die der Frau von Natur in jeder Weise überlegen sind.
I, 1, v. 4 sdd. L'ébranlement sied bien aux plus fermes courages;
Et l'esprit le plus maâle et le moins abattu
Ne saurait sans désordre exercer sa vertu. Man beachte hierbei insbesondere noch die pretiösen Wendungen in I, 1, v. 4: l'ébranlement sied bien aux plus fermes courages, um wie viel weniger braucht sich eine Frau dessen zu schämen; v. 6.. sans désordre, ohne ausser Ordnung zu geraten, d. i. ohne die geringste Gemütsstörung seine Pflicht üben; mithin erträgt auch Sabina ihr Leid mit unerschütterlichem Mut und heroischer Standhaftigkeit.
6) Durch die Erklärung, sie bemeistere ihre Thränen: I, 1, v. 8. Le trouble de mon coeur ne peut rien sur mes larmes, und die folgenden mehrfachen Umschreibungen, die für den pretiösen Stil characteristisch sind, worin die Standhaftigkeit Sabinas mit Nachdruck hervorgehoben wird:
I, 1, v. 10 sqd. Ma constance du moins règne encore sur mes yeux:
Quand on arréte là les déplaisirs d'une àme,
Si l'on fait moins qu'un homme, on fait plus qu'une femme;
Commander à ses pleurs en cette extrémité,
C'est montrer pour le sexe assez de fermeté. Pretiöser Natur ist les déplaisirs I, 1, v. 11, wo der Begriff des seelischen Zwiespalts und der Schwäche Sabinas gegenüber der Gewalt ihres Leides, das auf sie eindringt, durch einen mildernden Ausdruck ersetzt ist, der das Leid Sabinas verschleiert und minder erscheinen lässt.


