5
Etiquette, mit dem Nachdruck, der auf das Aeussere seit dem 17. Jahrhundert gelegt zu werden beginnt. Die Personen Corneilles lieben es, sich selbst zu bespiegeln; das„Pretiöse“ äussert sich bei ihnen in der Beschönigung mit der Etiquette nicht im Einklang stehender Empfindungen und Denkart und in der Milderung natürlicher Empfindungsweise, deren Aeusserung anstössig erscheinen oder den Character der Person in ein weniger vorteilhaftes Licht setzen könnte.
In wie weit sich pretiöse Charaktere und Wendungen in Corneilles Tragödien finden, dies soll in Folgendem an den älteren Meisterwerken Corneilles in chronologischer Reihenfolge nach- gewiesen werden.
Le Cid.
a) Chimène. Chimene ist durch den Streit der Väter mächtig in Mitleidenschaft gezogen: es entbrennt in ihrem Innern der heftigste Conflict der Ehre mit der Liebe. In dieser peinlichen Situation den Character zu bewahren, der von des Grafen Tochter gefordert werden dürfte, darin beruht das Wesen des pretiösen Characters dieser— neben der Infantin— vornehmsten Frauen- gestalt in Corneilles„Cid“ ¹). Schmerzdurchtobt ist ihr Herz infolge des Unglücksschlages ²); vergeblich sucht die Infantin die Schmerzerfüllte zu beruhigen, sie an die Möglichkeit einer Versöhnung der streitenden Parteien erinnernd. Doch Chimene entgegnet ihr entschieden:
Vermittelung fruchtet nichts in diesem Fall,
Beschimpfte Ehre ist nicht herzustellen ³), und Rodrigo kann und darf solchen Schimpf nicht dulden cfr. II, 3, v. 45— 50. Nachdem aber Rodrigo blutige Rache für den Schimpf genommen, da eilt sie zu den Stufen des Thrones, Gerech- tigkeit für des Vaters Blut erflehend:
Straft eines kühnen Jünglings Uebermut!
Er warf die Stütze Eures Thrones nieder,
Erschlug den Vater mir ⁴)! 1 Wenn sodann Chimene der Verdienste des edlen Vaters gedenkt, der so viel Schlachten für den König gewonnen, und sie Rache heischt für seinen Tod mehr des Fürsten wegen als ihr
1) Einer pretiösen Wendung begegnen wir schon in: I, 1, v. 7. Dis moi donc, je te prie, une seconde fois: In bescheidener, rücksichtsvoller Weise begegnet so Chimene ihrer Erzieherin; auch hier gilt: Je höher und gebildeter die Person, desto massvoller das Benehmen gegen Untergebene.— Dieselbe Anmut einer gemessenen, würdevollen Sprache spricht aus: I, 1, v. 10 sqd. Un si charmant discours ne se peut trop entendre; Tu ne peux trop promettre aux feux de notre amour La douce liberté de se montrer au jour. 2) Die Grösse ihres Schmerzes wird gemildert durch: mon coeur outré d'ennuis cfr. II, 3, v. 23, II, 3, v. 45, II, 5, v. 50, III, 3, v. 55, V, 3, v. 3. Pretiöse Färbung hat auch die Stelle: II, 3, v. 12 sqq. Au malheureux moment, que naissait leur querelle Dont le récit fatal———————— D'une si douce attente a ruiné l'effet. 3) II, 3, v. 25 sq. Les accommodements ne font rien en ce point: De si mortels affronts ne se réparent point. 4) II, 8, v. 4 sqq. D'un jeune audacieux punissez l'insolence: Il a de votre sceptre abattu le soutien, Il a tué mon pere.


