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Sprache waren die seltsamsten Formen des Ausdruckes getreten, sodass man an der eigenen Sprache irre werden konnte.
Wem nun gebührt das Verdienst, im Sinne Malherbes reinigend und läuternd durch die sorgfältige Pflege einer ausgebildeten, festgeregelten Sprache thätig gewesen zu sein, wenn nicht dem Hofe, der doch unter Ludwig XIV. die Elite der französischen Aristokratie um sich vereinigt sah und damit auch als Censor des edlen Ausdrucks auftreten musste?
Eine edle Römerin von hoher Bildung, Katharina v. Vivonne, die i. J. 1600 dem Marquis v. Rambouillet die Hand reichte, sollte dem feinen Ton der Unterhaltung, der Begeisterung für die Bildung, der Hochschätzung der Frau in der französischen Hauptstadt Eingang verschaffen. Alles geistige und sociale Leben sollte im Hotel Rambouillet— denn so hiess der Palast der Marquise und später schlechthin die Gesellschaft, die darin ihre Reunionen abhielt— seinen Mittelpunkt haben. Das lärmende Leben am Hofe mit seiner bürgerlichen Derbheit hatte für die Marquise keine Anziehungskraft, das anmutige Familienleben und der gesellige Verkehr mit Freunden und Freundinnen, die Beschäftigung mit der italienischen, spanischen und französischen Litteratur bot ihr ungemein höheren Reiz. So fanden sich an jedem Mittwoch Herren und Damen aus allen Kreisen in dem blauen Salon der Marquise zur geselligen Vereinigung zusammen, Männer des Degens und der Wissenschaft; es war eine Vereinigung, von der Fléchier sagt: où se rendaient tant de personnes de qualité et de mérite, qui composaient une cour choisie, nombreuse sans confusion, modeste sans contrainte, savante sans orgueil, polie sans affectation.
Auch der Verfasser des„Cid“ war ein gern gesehener Gast der Marquise; nicht selten las er seine Werke vor, um die Ansicht und das Urteil seiner Freunde zu vernehmen; in dem Kampfe um den„Cid“, den der allgewaltige Staatsmann Ludwigs XIII. über ihn heraufbeschwor, fand er hier thatkräftige Unterstützung. In der Zeit, wo das Hotel Rambouillet in Blüte stand, d. i. 1620— 1645, verfasste Corneille seine älteren Meisterwerke. Ist es daher befremdend, wenn gerade aus diesen Schöpfungen uns der Geist entgegenweht, der die Bestrebungen des Hotel Rambouillet erfüllt, wenn uns auf Schritt und Tritt der pretiöse Ausdruck begegnet, der ein Ausfluss des idealen Sinnes der Damen des Hotels, ein Anzeichen der Verbesserung der Sitten und Umgangsformen ist und den Eintritt einer Entrohung(„purification des moeurs“) derselben ankündigt? Während dem 16. Jahrhundert diese zarte, das Anstössige und Gewöhnliche ver- meidende oder umschreibende Ausdrucksweise, welche auf Schonung der Empfindungen und Denkart des Mitmenschen bezw. des Unterredners gerichtet war,— diese Idealität, in der sich der Einzelne zu geben oder darzustellen liebt— noch fremd ist, begegnen wir gerade bei Corneille den delicaten, feinfühligen Wendungen ungemein häufig. Diese Sprache der Etiquette, welche ein Erzeugnis des 17. Jahrhunderts ist und in Frankreich seinen Ursprung hat, macht sich bemerklich in der Sprache der Schriftsteller seit dem Hotel Rambouillet, in der Salonschriftstellerei der ersten 40 Jahre des 17. Jahrhunderts und in besonders auffälliger Weise in Corneilles Tragödien, zumal in solchen, die wir seine Originalleistungen nennen. Und zwar findet sich das pretiöse Element der Sprache und der Charakteristik bei Corneille aus- schliesslich in den Frauenrollen seiner Tragõdien. Es steht im Zusammen- hange mit dem reflectierenden Character dieser Personen, die es lieben, sich mit Idealbildern ihres Standes zu vergleichen, die ängstlich Gewicht auf den guten Eindruck legen, den sie auf andere machen. Auch bei ihnen hängt das„Pretiöse“ zusammen mit dem wohlanständigen Benehmen(„bienséance““), das von ihnen in ihrer Stellung gefordert wird, mit der Ausbildung der


