Pretiöse Charactere
und
Wendungen in Corneilles Tragödien
von
Gymnasiallehrer
A. RUDERSHAUSEN.
Der Ausgang des sechzehnten Jahrhunderts bedeutet für Frankreich den Beginn einer neuen Geschichts- wie Litteraturperiode. In dem politischen Staat wie in der Litteratur tritt nunmehr an Stelle der Gesetzlosigkeit eine bestimmte Ordnung und Disciplin.
In jenem hat, nachdem der letzte Valois durch die Hand eines Meuchelmörders geendet, Heinrich IV. als der erste Bourbon die Zügel der Regierung mit Energie ergriffen, ist aus dem Kampfe mit dem Bürgertum und Adel als Sieger hervorgegangen und hat nach Wiederher- stellung der gelösten Ordnung in dem durch langjährige Bürgerkriege zerrütteten und ausgesogenen Staate ein mächtiges Königtum aufgerichtet, das nach seines Gründers Plan die Hegemonie in Europa führen sollte. 1
In der Litteratur war es Malherbe, der, nachdem er mit Erfolg gegen fremde Einflüsse und die Affenkünste der Nachahmer ausländischen Wesens zu Felde gezogen, gleichsam zum Herold der klassischen Litteratur geworden ist, indem er als strenger Gesetzgeber auf dem Gebiete der Sprache der Dichtung auftrat und somit seinen wesentlichen Anteil daran hat, wenn das 17. Jahrhundert mit Geschmack dasselbe durchgeführt hat, was das 16. Jahrhundert ohne Geschmack versucht hatte..
Wenn nun das Werk Malherbes hinsichtlich der Veredelung der französischen Sprache und ihrer Befreiung von fremdländischem Zierat, die im Grunde genommen eine Karikatur des französischen Idioms zur Folge hatte, gelungen ist, so hat der Hof des einflussreichen Bourbonen am allerwenigsten an diesem Erfolg irgend welchen nennenswerten Anteil gehabt. Es nimmt
uns indes diese Passivität des Hofes Heinrichs IV. keineswegs Wunder. Denn von einem
Könige und jenen, die mit ihm während einer langen Reihe von Jahren die Entbehrungen des Krieges in jeder Hinsicht geteilt, deren Sitten, so lange die Kriegsfackel durch das Land ihre Schrecken verbreitete, immer mehr verwilderten, worunter schliesslich selbst die Conversationssprache empfindlich leiden musste, war nicht zu erwarten, dass sie, aus dem Feldlager heimgekehrt, der Mittelpunkt eleganter Formen und einer feinen Bildung werden würden. Wie nach den Schrecken des unseligen 30 jährigen Krieges in Deutschland alles der Verwilderung und Barbarei anheim- gefallen war, wie insbesondere diejenigen, die activ an dem Kriege beteiligt waren, die Begriffe der Barbarei und Humanität, der Gemeinheit und des Anstandes, der Rohheit im Ausdruck und der Eleganz der Sprache zu vertauschen sich nicht scheuten, so herrschten ähnliche Zustände nach den verheerenden Bürgerkriegen in Frankreich; an die Stelle einer reinen einheitlichen


