Aufsatz 
Über sittlich-religiöse Bildung, als den höchsten Zweck der Erziehung und des Unterrichts / von Prorector Rotwitt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

27

turſtufen die allein untruͤglichen Kennzeichen einer gelungenen Erziehung. In der Ausbildung dieſer Tugenden beſteht gerade die ſchöne und harmoniſche Entwicke⸗ lung unſerer unſterblichen Natur, und ſo mußten ſie auch den Grundzug in dem göttlichen Vorbilde liefern, welches das Evangelium allen Menſchen zur Nach⸗ ahmung aufſtellt ¹).

So muß alſo auch die ſittlich-religiöſe Bildung als das Fundament und der Kern, als der Aufang und das Ende aller Bildung angeſehen werden 2). Aber ohne den lebendigen Glauben an Jeſum Chriſtum gibt es keine wahre ſittlich⸗ religiöſe Bildung, und keine höhere, keine noch ſo gelehrte Bildung kann dem Menſchen das erſetzen, was in Chriſto der Menſchheit dargeboten worden iſt; denn wer ſich an Chriſto hält im Leben, der wird darum leben im Tode.

I. Geſchichte.

Zu Anfang des Winterhalbenjahres wurde der Lehrer Lang, welcher den arith⸗ metiſchen und naturwiſſenſchaftlichen Unterricht an dem Pädagogium ertheilte, zum Oberlehrer an der dritten Abtheilung der hieſigen Elementarſchule ernannt. Da ſeine Stelle unbeſetzt blieb, wurden ſeine Stunden in dem Pädagogium von den übrigen Lehrern der Anſtalt verſehen.

Bald darauf wurde der Prorektor Bellinger in gleicher Eigenſchaft von hier an das Pädagogium zu Hadamar und ebenſo der Prorektor Dr. Cuntz von dort hierher verſetzt. Letzterer trat den 6. November v. J. hier ein.

1) Frau von Necker⸗Sauſſuͤre a. a. O. Thl. I. S. 57.

2)Moralitaͤt und Religioſitaͤt, im wahren Sinne des Wortes, ſind die Entfaltung der hoͤchſten menſchlichen Wuͤrde; in der Moralitat, die nicht bloß Sitte, und in der Relt⸗ gioſität, die nicht bloße Form iſt, offenbart ſich die hoͤhere Natur des menſchlichen Geiſtes. Gleich wie das leibliche Auge des Menſchen Himmel und Erde umfaßt, wie es auch uͤber die Erde zu blicken gerichtet iſt, um nicht, gleich den Thieren, alle Befriedigung im Irdi⸗ ſchen zu ſuchen, ſo ſind Moralität und Religtoſitaͤt die Lichtpunkte und die geiſtigen Augen des nach dem Hoͤheren und Beſſeren blickenden Geiſtes. In thieriſche Niedrigkeit verſunken iſt das menſchliche Geſchlecht, das der aͤchten Moralitaͤt und Religioſitaͤt verluſtig geht, ſei es in ſcheinbar kluger Weisheit oder in klug verdeckter Schlechtheit. Wo die Menſchheit von ihrer hoͤchſten Stufe in Moralitaͤt und Religioſitaͤt herunter geſtiegen iſt, da vermag auch die gleißende Form ſchoͤner Ideale das Leben nicht zu heilen. Nur der ſittlich⸗religioͤfe Charakter des Menſchen und ſeines Geſchlechtes ſtellt ihn ſicher vor jeder Erbaͤrmlichkeit eines verflachten Lebens. Braubach in ſeiner Selbſtbiographie in Dieſterweg's paͤdagog. Deutſchland.

4 F