Aufsatz 
Über sittlich-religiöse Bildung, als den höchsten Zweck der Erziehung und des Unterrichts / von Prorector Rotwitt
Entstehung
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redlichen Schulmannes, welcher die Erhabenheit ſeines Berufes kennt und treu zu erfüllen ſucht; aber Neigung für das Lehrfach, Begeiſterung für den hohen Zweck ſeines Berufes und Liebe zur Jugend, ohne welche er, und wenn er mit Engelszungen redete, ein tönendes Erz und eine klingende Schelle bleibt, ſind nö⸗ thig; und die Liebe und Achtung werden ihm dann einen ſchönen Beitrag bilden zur Belohnung für die Mühe, Ausharrung, Geduld und Muſterhaftigkeit in Allem, was ſein Beruf erfordert.

Soll jedoch die Wirkſamkeit des fuͤr ſeinen Beruf noch ſo ſehr begeiſterten Lehrers ſegensreich ſein, ſo iſt endlich Uebereinſtimmung des elterlichen Hauſes und der Schule unerläßliche Bedingung; und darum iſt es zu wuͤnſchen, daß der öffentliche Lehrer dem häuslichen Leben ſeiner Schüler nicht zu fern ſtehe, daß er in Verbindung lebe mit den Eltern derſelben; und darum iſt es, beſonders in der jetzigen genuß- und zerſtreuungsſuchtigen Zeit, nothwendig, daß auch der Schule, unbeſchadet der elterlichen Rechte, das Recht zuſtehe, die Beſchäftigungen und Vergnügungen der ihr anvertrauten Jugend auch außerhalb der Schule zu ord⸗ nen, zu leiten und zu überwachen ¹). Und alle Eltern, denen das wahre Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt, werden gewiß, in Gemeinſchaft mit der Schule, an der Veredlung und Beſſerung ihrer Kinder arbeiten und deßhalb nicht auftreten als Beſchützer derſelben gegen die nothwendigen und wohlerwogenen Anordnungen der Schule.

So glaube ich nun, dargelegt zu haben, wie von Seiten der Eltern und Leh⸗ rer, durch Beiſpiel, Zucht, Belehrung und Unterricht, der ſittlich-religiöſe und kirch⸗ liche Sinn im Hauſe und in der Schule ²) begründet, erhalten und befeſtigt wer⸗ den müſſe, damit die Jugend zu wahrer Religioſität und Sittlichkeit, d. h. zu ei⸗ nem, vom göttlichen Geiſte belebten, von religiöſen Gefühlen und Begriffen ge⸗ haltenen und geleiteten, durch ſittlich-religiöſe Handlungen ausgeprägten Leben, oder dur Gottesfurcht herangebildet werde.

Und wahrlich nur im ſittlich-religiös gebildeten Menſchen iſt kein Widerſpruch zwiſchen einem beſſeren Wiſſen und ſchlechteren Streben und Handeln; ihm iſt Gottes Gebot lieb und Grundgeſetz ſeines Lebens; er achtet und liebt ſeinen Mit⸗ menſchen; denn Gottesliebe und Nächſtenliebe ſtehen in einem eben ſo engen Zu⸗ ſammenhange, wie Religioſität nnd Sittlichkeit.Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächſten, die beiden Haupttugenden des Chriſtenthums, ſind auf allen Cul⸗

1) Beherzigenswerthe Worte in dieſer Hinſicht enthaͤlt ein Aufſatz:Ueber die Schwaͤchlichkeit der deutſchen Schuljugend, von Seminardirector Ludewig in Mager's pädagog. Revüe. Bd. VI. 1843. S. 101.

2) Von der hohen Schule, wie man die Univerſität zu nennen pflegt, rede ich nicht; von ihr gilt leider, was Seebode a. a. O. S. 13 ſagt:Auf den meiſten Muſenſitzen, wird durch Lauheit oder Nichtbeachtung deſſen, was dem Studirenden die Kirche bietet, jene mäch⸗ tige Gegenwehr unwirkſam gemacht, durch welche das Wort der ewigen Wahrheit die Seele ſchuͤtzt vor des Laſters eindringendem Verderben..