Aufsatz 
Über sittlich-religiöse Bildung, als den höchsten Zweck der Erziehung und des Unterrichts / von Prorector Rotwitt
Entstehung
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ebenſo wie es wahr iſt, was wohl Keiner bezweifeln wird, daß das gute Beiſpiel des Lehrers nicht nur mehr wirke, als die trefflichſten Belehrungen, die eindring⸗ lichſten Ermahnungen, ſondern daß auch ohne daſſelbe ſelbſt der beſte Unterricht nur wenig Fruͤchte bringe: ſo iſt es auch wahr, daß nur derjenige Lehrer die ihm nothwendige höhere ſittliche Auctorität bei ſeinen Schülern habe, der untadelhaft in ſeinen Sitten und in ſeinem ganzen Verhalten iſt. Der Lehrer aber, welcher glaubt, ſein Wandel habe für die ſittlich-religiöſe Erziehung der Jugend keine Bedeutung, der Unterricht und die Schulzucht reichten allein dafür aus, der ver⸗ räth einen gänzlichen Mangel an pychologiſcher Kenntniß.

Die höhere, die ſittliche Auctorität beruht, wie ſich Dr. Schade in einem Aufſatze:Ueber Lehrerauctorität ¹) ausdrückt,auf der edeln Perſönlichkeit und dem innern Werthe des Lehrers und alſo auf den trefflichſten Eigenſchaften ſei nes Geiſtes und Herzens, auf ſeinem mit Liebe und Freundlichkeit verbundenen Ernſte, auf ſeiner amtlichen Tüchtigkeit und auf der treuen und gewiſſenhaften Erfüllung ſeiner Pflichten, auf ſeinen Einſichten und Kenntniſſen, auf ſeiner ver⸗ ſtändigen und ſich ſtets gleichbleibenden Schulzucht, auf ſeiner Unparteilichkeit in Behandlung der Kinder, auf der Reinheit ſeiner Sitten und der Unbeſcholtenheit ſeines Wandels.

Iſt gleich die wiſſenſchaftliche Befähigung ſehr wichtig für die Wirkſamkeit des öffentlichen Lehrers, ſo iſt ſein Herz, ſein Charakter, ſeine Geſinnung, ſein Beiſpiel für die Erziehung ungleich wichtiger. Und ſowie ſittlich⸗religiöſe Bildung dem Menſchen überhaupt die ſchönſte geiſtige Form, ſeiner Perſönlichkeit die ſchönſte Geſtalt gibt, ſo auch dem Lehrer. Er muß ein wahrhaft frommer und guter Mann ſein; er muß ſich beſtreben, unbeſcholten und muſterhaft dazuſtehen; er muß zeigen, daß er Religion und Tugend uͤber Alles hochſchätze, durch einen got⸗ tesfärchtigen Wandel in Rede und That beweiſen, daß er überall wahrhaft, ge⸗ recht und rechtſchaffen zu denken und zu handeln ſich befleißige, und auch Antheil nehmen an der öffentlichen Gottesverehrung. Denn wie mag er Gottesfurcht und wahre Frömmigkeit in ſeinen Schülern pflegen und beſeſtigen, wenn er ſich ſelbſt gegen alles Göttliche kalt und gleichgültig zeigt? Sage man nicht, es ſei dieß zu viel verlangt. Es ſind dem öffentlichen Lehrer unſterbliche Seelen, die für die Ewigkeit erſchaffen, zur Vollkommenheit beſtimmt und zur Seligkeit berufen ſind, anvertraut und zur Bildung übergeben 2). Mühevoll iſt zwar das Amt des

1) Allgem Schulzeit. Nov. Heft. 1843.

2)Das naͤchſte Ziel, das die Erziehung unmittelbar erreichen ſoll, iſt zwar die gelungene Fuͤh⸗ rung des gegenwaͤrtigen Lebens; das letzte Ziel iſt aber das kuͤnftige Leben. Die Erziehung des Menſchen in ſeiner fortſchreitenden Entwickelung, von Frau von Necker⸗Sauſſuͤre. Aus dem Franz. uͤberſ. v. Overbeck u. Smidt. Bielef. 1842. Thl. I. S. 106. Der Zweck der Erziehung reicht uͤber das Grab hinaus, und die dieſſeitige Vervollkomm⸗ nun iſt nichts Anderes, als ein Anfang, eine Saat fuͤr die jenſeitige Schwarz a. a.

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