Aufsatz 
Über sittlich-religiöse Bildung, als den höchsten Zweck der Erziehung und des Unterrichts / von Prorector Rotwitt
Entstehung
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Sind jedoch die Klagen, die man über die häusliche Erziehung der Jugend erhebt, etwa ungegründet? Sind die Vorwurfe etwa ungerecht, welche die Schule ſchon öfters der mangelhaften Kindererziehung ſelbſt in den gebildeteren Ständen, in denen die Familie nicht bloß als ſittliche Einheit ſich bewußt iſt, ſondern auch die äußerlichen Mittel hat, ihre ſittlichen Zwecke zu erfüllen, gemacht hat? Leider kann man nicht mit Nein antworten; leider iſt das Gemälde nur allzu wahr, welches Seebode) von der heutigen Erziehung im elterlichen Hauſe mit fol⸗ genden Worten ſo treffend entwirft:Das Wohlgefallen am blendenden Schein und Schimmer, der Wetteifer im Hervordrängen, das Haſchen nach äußerer Ehre, das Buhlen und Werben um leichten Gewinn, der Dünkel der eigenen Weisheit und das Klügeln, die unberufene Theilnahme an den öffentlichen An⸗ gelegenheiten, vor allen die Genußſucht, welche tauſendfachen Anreiz und Nahrung uberall findet, das Leben und Treiben außerhalb des Familienkreiſes hat die Väter ſich ſelbſt und den Ihrigen entfremdet. Wie fänden ſie Zeit und Neigung, in Gottes herrlicher Schöpfung oder in der Stille des Abends ſich mit ihren Söhnen zu beſchäftigen, ſie väterlich zu leiten, über ſie zu wachen mit dem Auge der Sorge und Liebe, in traulichen Unterhaltungen ſich des Gemüths des Kna⸗ ben zu bemächtigen, die falſche Richtung des Jünglings zu erforſchen und die Liebe zur Tugend und zur Religion immer mehr zu befeſtigen?

Daß aber überall der Verfall der Erziehung und der ſittlich⸗religiöſen Bil⸗ dung mit der Verderbniß des häuslichen Lebens zuſammenhängt, lehrt die Geſchichte der verſchiedenen Zeiten.

Darum möge doch das elterliche Haus, wo es nur immer dazu im Stande und dazu berufen iſt, mit Ernſt und Gewiſſenhaftigkeit für die ſittlich-religiöſe Erziehung der Kinder ſorgen, nicht allein auf daß die Eltern an ihren Kindern Freude, Tugend und Ruhm) dereinſt erleben, ſondern damit auch nicht, da ohne Vor⸗ und Mitarbeit von jener Seite die Schule wenig erzielen kann, vernichtet werde, was Unterricht und Zucht der Schule zu bezwecken haben! Denn wenn man darin einig iſt, daß eine gute Charakterbildung der viſſenſchaftlichen Bildung vorangehen müſſe; wenn man ferner zugeben muß, daß jene mehr durch Erzie⸗ hung, als Unterricht, erreicht, wenigſtens begründet wird, und endlich nicht über⸗ ſieht, wie tief ſich die erſten Eindrücke von Außen in die Kinderſeele prägen, welch bleibende Spuren ſie darin zurücklaſſen, ſo daß ſie die Grundzüge für das ſpätere Lebensbild abgeben: ſo wird klar ſein, wie wichtig es iſt, was gute und verſtän⸗ dige Eltern an ihren Kindern ſchon in früher Jugend durch Beiſpiel, Zucht und Belehrung thun. Werden die Kinder ſorgfältig beaufſichtigt, wird ihr Umgang, ihr Betragen überwacht, werden böſe Unarten und Gewohnheiten eben ſo wenig

1) a. a. O. S. 8. 2) Wie ſchoͤn ſchildert das SittenbuchJeſus Sirach 16 1. was für Segen ein from⸗ mes, was fuͤr Unſegen ein ungerathenes Kind bringe!