Aufsatz 
Über sittlich-religiöse Bildung, als den höchsten Zweck der Erziehung und des Unterrichts / von Prorector Rotwitt
Entstehung
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dacht geeignet iſt, und auch die äußeren gottesdienſtlichen Gebräuche, in denen ſich religiöſer Geiſt und Sinn ausdrückt, als etwas Ehrwürdiges anzuſehen: ſo wird das, was anfangs aus fruͤher guter Gewöhnung geſchah, nach und nach Beduͤrf⸗ niß werden; das Religiöſe wird im Kinde Boden faſſen und Wurzel ſchlagen.

Der Weg zum guten Willen führt aber auch über das Feld des unbedingten Gehorſams. Freiheit ohne Geſetz und Gehorſam iſt nicht das ächt Menſch⸗ liche. In der früheſten Jugend wird die Erziehung durch Kräfte geleitet, welche denen des Zöglings überlegen ſind; das Kind iſt in dem Zuſtande der Abhän⸗ gigkeit, und dieſe iſt eben ſo nothwendig zur Erhaltung ſeines Lebens, als zur Bil⸗ dung ſeiner Moralität; das Kind 3 daher ſchon frühe zum Gehorſam ange⸗ halten werden.Zum Charakter eines Kindes gehört, ſagt Kant ¹),vor allen Dingen Gehorſam. Dieſer Gehorſam kann abgeleitet werden aus dem Zwange, und dann iſt er abſolut; oder aus dem Zutrauen, und dann iſt er fiwindg⸗ Dieſer letztere iſt gar ſehr wichtig; jener aber äußerſt nothwendig, indem er das Kind zur Erfüllung ſolcher Geſetze vorbereitet, die es künftighin als Bürger er⸗ füllen muß, wenn ſie ihm auch nicht gefallen.

Nur dadurch, daß das Kind gehorchen lerne, daß ihm ſein Eigenwille ge⸗ brochen werde, daß es lerne, ſeinen Willen dem der Eltern und Erzieher unter⸗ zuordnen, ſeine Triebe zu beherrſchen und ſich von dem Strome ſeiner Begierden nicht fortreißen zu laſſen, wird es mit den zunehmenden Jahren, wenn es auch peich noch der Auctorität der Eltern und Lehrer unterworfen iſt, lernen, das

ermögen eines eigenen Entſchluſſes zu erlangen, einen ſelbſtthätigen Willen zu haben, und wird dann immer mehr und mehr zu ſeiner Erziehung mitwirken können)..

Und ſo hat auch in dieſer Hinſicht das elterliche Haus bei Zeiten dafür zu ſorgen, im Innern des Kindes Beſcheidenheit, Selötheherrſchunſt zu erzeugen und ſomit auf eine vernuͤnftige Weiſe in alle ſeine Bewegungen Maß und Zucht zu bringen, und dadurch der Erziehung in der öffentlichen Schule, wo das Ganze durch feſt beſtimmte Geſetze regiert, und doch der Einzelne nicht unter beſtändiger Aufſicht gehalten wird, vorzubereiten.

Man hat nun häufig in der heutigen, oft ſo verkehrten Kinderzucht, die we⸗ der auf eigenes Beiſpiel, noch auf Gehorfam und Fleiß, noch auf Weckung und Beförderung des religiöſen Sinnes geſtützt ſei, eines der Hauptübel unſerer Zeit, in der das Streben nach wenig Arbeit und viel Genuß bei den Erwachſenen vor⸗ herrſche und von ihnen auf das jüngere Geſchlecht ſich vererbe, gefunden und auf das Wärmſte und Eindringlichſte dagegen geſprochen.

1) Kant's Pädagogik S. 101.

2)Dem Kinde gebiete man kurz; dem Knaben gebe man beſtimmte Vorſchriften; man rathe dem Juͤnglinge, damit ihm ſein Gehorſam immer mehr als die Wirkung eigener Einſicht und Freiheit erſcheine., Niemeyer a. a. O. I. S. 214.

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