Aufsatz 
Über sittlich-religiöse Bildung, als den höchsten Zweck der Erziehung und des Unterrichts / von Prorector Rotwitt
Entstehung
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Das Studium der Univerſalgeſchichte iſt fuͤr das Knaben⸗ und angehende Juͤnglingsalter, das zu einer klaren Ueberſicht des großen Gemäldes vom Ent⸗ wickelungsgange der Menſchheit ſich nicht zu erheben vermag, zu ſchwierig. Der Geſchichts-Unterricht beginne mit der Biographie. Die Hauptdata der Weltge⸗ ſchichte, die auf die Menſchenbildung einen ſehr großen Einfluß hatten, ſind aus⸗ zuwählen; die hervorleuchtenden Individuen der geſchichtlichen Völker ſind in den unteren Claſſen dem jugendlichen Geiſte in kurzen Biographien zu ſchildern. Für die mittleren Claſſen paßt die ethnographiſche Behandlung der Geſchichte; da ſind jene Specialgeſchichten, welche für die Jünglinge unſeres Vaterlandes ein vor⸗ zügliches Intereſſe haben, zu behandeln. Dahin gehört die vaterländiſche Geſchichte im weiteren Sinne, und, der klaſſiſchen Literatur wegen, die Geſchichte der Grie⸗ chen und Römer ¹). Das klaſſiſche Studium kann nicht mit Gründlichkeit betrie⸗ ben, der Inhalt der Dichter, Geſchichtſchreiber, Redner nicht klar verſtanden wer⸗ den, wenn nicht das öffentliche und Privatleben jener Völker, ihre Religion, der hiſtoriſche Gang ihrer Schickſale und ihrer Bildung kennen gelernt und im geord⸗ neten Zuſammenhange überſehen wird.

Der abweichende Zuſtand der neuen, der chriſtlich⸗-germaniſchen Zeit wird in hellerem Lichte erſcheinen, wenn die Jünglinge gründliche Kenntniſſe der griechi⸗ ſchen und römiſchen Welt erworben und die Hauptmomente des griechiſchen und römiſchen Strebens einſehen gelernt haben.

In den oberen Claſſen der Gelehrten⸗Schule muß die Geſchichte univerſal⸗ hiſtoriſch und pragmatiſch behandelt werden.

Keine Wiſſenſchaft iſt zur Anregung des Gemuͤths, zur Bildung des Charac⸗ ters geeigneter, als die Geſchichte. Was kann beſſer die Liebe zum Vaterlande wecken und fördern, als die Kenntniß des Volkes, dem wir angehören, was der Geſchichts⸗Unterricht hauptſächlich zu erzielen hat? Und die Geſchichte unſeres Volkes ſteht der des Alterthums nicht nach.Die Geſchichte unſerer Zeit, ſagt Göthe,iſt nicht weniger bedeutend, als die des Alterthums. Die Schlachten von Leipzig und Waterloo ragen ſo gewaltig hervor, daß jene von Marathon nund Salamis durch ſie faſt verdunkelt werden. Auch ſind unſere Helden nicht zurückgeblieben: die franzöſiſchen Marſchälle und Blücher und Wellington ſind denen des Alterthums völlig an die Seite zu ſetzen. Was könnte auf den ju⸗ gendlichen Geiſt, auf die Jahre, wo das moraliſche Gefühl, noch nicht abgeſtumpft oder verwöhnt durch das Schlechtere, jedes beſſern Eindrucks empfänglich iſt, éine größere Anziehungskraft ausüben, als die Geſchichte, welche dem Knaben und Zünglinge Charaktere vorführt, an denen er das falſche, gottloſe Leben verab⸗ ſcheuen, das wahre, menſchliche aber lieben lernt 2)?Wenn die Weltgeſchichte

¹) Mit der Geſchichte iſt de Geographie eng zuſammenhaͤngend. Die hiſtoriſche Kenntniß der merkwürdigſten Perſonen und Thatſachen wird nicht klar ohne Kenntniß der Länder, wo jene gewirkt, dieſe ſich zugetragen haben. 1

2)"Lebensbeſchreibungen berühmter Maͤnner jedes Volkes und jeder Zeit haben für den aufſtre⸗