Aufsatz 
Über sittlich-religiöse Bildung, als den höchsten Zweck der Erziehung und des Unterrichts / von Prorector Rotwitt
Entstehung
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gefloſſen iſt; nicht die todte Kenntniß der Farben, des Geſteins und Mörtels ihrer plaſtiſchen und architektoniſchen Werke, ſondern ſelbſtbegeiſtertes Hinaufſtreben zu dem Geiſte, der ihre plaſtiſchen und architektoniſchen Schöpfungen beſeelte.

Die Geſchichte entfaltet das mannichfaltigſte menſchliche Leben vor unſern Blicken und erſcheint als Erzieherin des Menſchengeſchlechts unter der Leitung der allwaltenden Vorſehung, unter den Geſetzen einer ſittlichen Weltordnung.Was könnte, ſagt Luden ¹),ein höheres Intereſſe haben, was könnte ergreifender und erhebender auf das menſchliche Gemüth wirken, als die menſchliche Natur in ihrer größten Erhabenheit und in ihrer tiefſten Erniedrigung zu erblicken, die unendliche Mannichfaltigkeit menſchlicher Charaktere zu betrachten, zu ſehen, was Verſtand, Beſonnenheit und Tugend vermögen, und was aus Verkehrtheit, Leidenſchaft und Ruchloſigkeit entſteht, zu bemerken, was Völker hebt und hält, und was Reiche ſchwächt und ſtürzt, zu erkennen, wie nach allem Wechſel, wie auch nach der un⸗ geheuerſten Umwälzung doch immer Eins unverletzt und unzerſtört wieder in neuer Schönheit hervortritt: der Geiſt, der Geſetz und Ordnung ſchafft und Licht ſucht und Bildung! Eine gründliche Kenntniß der Geſchichte läutert das Ur⸗ theil uber die Erſcheinungen des Lebens, wird dieſelben in ihrem Urſprunge und in ihren Folgen begreiflicher machen; ſie wird endlich auf das Klarſte darthun, was dem Menſchen unter allen Umſtänden des Lebens gezieme, und wie er unter allen Verhältniſſen die Würde des Lebens zu erhalten vermöge.

Für die Jugend wird demnach die Geſchichte ſtets ein pehr wichtiges Bil⸗ dungsmittel ſein. Es ſollen dem jugendlichen Geiſte die merkwürdigſten Perſonen und Thatſachen, welche auf das Wohl und zum Verderben der Menſchen gewirkt. haben, auf eine Geiſt und Charakter bildende Art bekannt gemacht, es ſoll das Gemuͤth zur Nachahmung des Großen und Guten angeregt, und der Verſtand uͤber den Gang der Weltbegebenheiten aufgehellt werden.

Der Unterricht in der Geſchichte ſoll vorzugsweiſe die gemüthliche Bildung fördern, natürlich in vielfacher Abſtufung und bei dem Einen in größerer, bei dem Andern in geringerer Ausdehnung; zugleich ſoll er aber auch die Schüler ge⸗ wiſſermaßen in das Leben führen.Gibt auch die Geſchichte mit allen Beiſpielen den Knaben und Jünglingen die volle Lebensweisheit nicht(die immer nur im Leben ſelbſt erworben werden kann), ſo verhilft ſie doch zu klaren Anſichten, zu weiteren Ueberblicken, zu probehaltigen Grundſätzen. Auch iſt nicht zu überſehen, daß in den Jahren der Entwickelung, wo die Phantaſie ſo vorherrſchend iſt und die aufſtrebenden Kräfte ſo leicht für Phantaſterei in Dienſt nimmt, kaum etwas Anderes ein ſo wirkſames Gegengewicht abgibt, als die Geſchichte, welche die Pinnaſe ſo viel beſchäftigt und doch auf dem ſoliden Boden der Wirklichkeit feſthält ²).

1) Allgem. Geſchichte der Völker und Staaten. Jena 1824. Thl. I. Einleit. d Kaͤmmel, über den Gymnaſialunterricht in der Geſchichte. Leipz. 1842