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Bildung der Schüler gebraucht; deutſche Interpretationsſtunden müſſen eingefuührt werden; denn unſre deutſchen Klaſſiker bieten eben ſo große Schwierigkeiten des Verſtändniſſes, als die der Alten, dar ¹).
Und wenn auch die Werke der alten Klaſſiker, in denen der beobachtende Sinn, die productive Einbildungskraft, der ordnende Verſtand und die idealiſirende Vernunft in einem Einklange mit einander wirkſam ſind, füͤr den guten Geſchmack noch immer leitende Sterne und Vorbilder ſind der edlen Einfachheit, Klarheit, heiteren Natürlichkeit, fern von ſchwärmeriſcher Empfindelei und verſchrobener Künſtelei; wenn auch nicht zu leugnen iſt, daß ein gruͤndlicher und eindringender Unterricht in den alten Sprachen die Eigenthümlichkeiten der Mutterſprache beſſer zum Bewußtſein bringt, wie ſich überhaupt das Weſen einer Sprache erſt aus einer Vergleichung mit einer andern erſchließt, und an eine ſtrenge logiſche Genauig⸗ keit im Denken und Sprechen gewöhnt: ſo kann doch nur die Kenntniß der Mei⸗ ſterwerke unſerer Literatur dem idealen Streben des Jünglings die ſchönſte Rich⸗ tung geben, die es nehmen kann, indem ſie ihm die Ideale der größten Geiſter ſeines Volkes in den mannichfachſten und erhabenſten Geſtaltungen vorführt, und muß in ihm, nächſt der Geſchichte, auch Liebe zu ſeinem Volke und Vaterlande entzünden.
Da aber unſere ganze Bildung theils auf der Bildung der Griechen und Römer, theils auf den chriſtlichen Elementen beruht, von denen unſer ganzes Le⸗ ben durchdrungen iſt, ſo iſt es die Aufgabe der Gelehrten-Schule, eine Bildung vorzubereiten, in der die Bildung der alten Welt durch die chriſtlichen Elemente geläutert und veredelt erſcheint; und darum muß das Studium der alten Sprachen den jugendlichen Geiſt zur Anſchauung des ganzen reichen Lebens der Griechen und Romer fähig machen. Und nicht ſowohl die materielle Richtung der heutigen Zeit, ſondern vielmehr die verkehrte Leſung und Behandlung der griechiſchen und römiſchen Schriftſteller auf Schulen hat den ſegensreichen Einfluß des klaſſiſchen Alterthums geſchwächt und die Beſchäftigung mit denſelben faſt ganz auf die Schul⸗ feit beſchränkt.
Herling ſagt in ſeinem Lehrbuche der Styliſtik:„Sollen die Meiſterwerke „unſerer Literatur und des klaſſiſchen Alterthums wahrhaft bildend wirken, ſo müſ⸗ „ſen alle ihre Theile, ihre Fügungen und das Ganze von Seiten der Verſtänd⸗ „lichkeit, Zweckmäßigkeit und der Schönheit durchforſcht und erkannt werden; denn „nur ſo offenbart ſich dem Betrachtenden der ſchaffende Genius des Meiſters und „der klaſſiſche Werth ſeinen Schöpfungen. Philologie iſt weit mehr als Hand⸗ „langergewerbe, als die Fölle eines zerbröckelten, lexikaliſchen, grammatikaliſchen, „antiquariſchen und hiſtoriſchen Wiſſens; ſie iſt das ſeelenvolle und herzvolle Stu⸗ „dium des lebendigen Wortes, wie es ſchaffend von der Lippe jener hohen Meiſtec
†„Ja bei den alten lieben Todten— Braucht man Erklaͤrung, will man Noten: Die Neuen glaubt man blank zu verſtehn;— Doch ohne Dolmetſch wird's A95 nicht gehn.“ Goͤthe.


