Aufsatz 
Über sittlich-religiöse Bildung, als den höchsten Zweck der Erziehung und des Unterrichts / von Prorector Rotwitt
Entstehung
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Habe ich hiermit nur andeuten wollen, wie der formale Sprachunterricht auf einer niederen Gelehrten-Schule zu behandeln ſei, ſo will ich nun die Sprache nach ihrem Inhalte und deſſen Einfluß auf den jugendlichen Geiſt betrachten. Der Sprachunterricht ſoll hauptſächlich die Bildung und Veredlung des jugend⸗ lichen Gemüthes bezwecken durch ſachgemäße Auswahl der Leſeſtücke und belebte Hervorhebung der in denſelben ausgedrückten Geſinnungen und Thaten.

Fruͤhzeitig begann bei den Griechen die Lectuͤre der Dichter. Die Dichter galten als Väter und Führer der Weisheit, und man ließ ſie entweder ganz, oder ließ einzelne Stellen aus ihnen auswendig lernen, um den Geiſt der Schüler zu ver⸗ edeln und durch mancherlei Kenntniſſe zu befruchten 1). Das Leſen des Homer, deſſen Schriften in keiner Schule fehlen durften, war das Hauptbildungsmittel, die Griechen zu einer poetiſchen Nation zu machen. In dem Achilles lernte der junge Grieche das Ideal des Heldenmuths kennen. Achilles war mächtig, ge⸗ wandt, der Tapferſte unter allen Achäern, voll tiefen Gefühles für Recht, für den Freund und die Seinigen, gewaltig in der Leidenſchaft, aber gütig und edel in der Ruhe. Es waren die Charaktere des edlen Hektor, des Agamemnon, der bei⸗ den Ajar, des Patroklus u. a. als Vorbilder aufgeführt; es war die Theilnahme der Götter geſchildert.

Die Hellenen lernten aus Homer und aus andern Dichtern intereſſante Stel⸗ len auswendig, nicht nur zum Behufe des Geſanges, ſondern auch, des erhabenen Inhalts wegen, zur Aufmunterung der Tapferkeit und der Vaterlandsliebe. Der höhere Sprachlehrer(eνμᷣατεεα⁶ςε) hatte das Geſchäft, die griechiſchen Schrift⸗ ſteller verſtehen zu lehren, durch dieſelben den Verſtand, das Gemuth und den Geſchmack zu bilden. In dem reiferen Alter wurde zur Bildung des Staatsman⸗ nes die Rhetorik als ein beſonderes Lehrfach betrieben.

Dieſes Verfahren bei der griechiſchen Bildung war übereinſtimmend mit dem Entwickelungsgange des jugendlichen Geiſtes. Die pſychiſche Beobachtung deſſelben lehrt, daß in dem Knaben- und Jünglingsalter die lebhafteſte Theilnahme für Erzählungen, Fabeln, Mährchen herrſcht. Es müſſen daher auch in dieſem Alter, wo das Anſchauungsvermögen, das Gefühl, die Phantaſie ſehr rege ſind, in ſuc⸗ ceſſiver Folge von dem Leichteren zu dem Schwereren, die Fabel, Erzählung, Be⸗ ſchreibung, das Lied, die Ode, das Drama als Bildungsmittel bei dem Sprach⸗ ſtudium gebraucht werden. Nicht die Verſtandes⸗ und Gedächtnißbildung, ſondern die Bildung des Gemüths und der Phantaſie ſind in dem Jugendalter Beduͤrfniß. In weſſen Seele nicht lebhaftes Gefuͤhl, nicht höhere Begeiſterung für die Ideale des Guten und Schönen herrſcht, der bleibt bei aller Vollkommenheit der Ver⸗ ſtandesbildung, bei dem größten Umfange der im Gedächtniß bewahrten Kennt⸗ niſſe doch ein gemeiner Diener der Sinnenluſt, ein kluger Erſpäher perſönlichen Vortheils. Die gelungenſten Werke der deutſchen Dichter muͤſſen für die poetiſche

4) Platon. Lysis. 244. a.