Aufsatz 
Über sittlich-religiöse Bildung, als den höchsten Zweck der Erziehung und des Unterrichts / von Prorector Rotwitt
Entstehung
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dungen, Neigungen und Geſinnungen zeigt, beſonders aber das Gewiſſen ſich regt; ſo lenfe man häufig das Gemüth von dem Sichtbaren, Beſchränkten, Ver⸗ änderlichen auf das Unſichtbare, Unendliche, Ewige, von der Liebe der Eltern zu dem Gott, der ſelbſt die Liebe iſt. Man ſage es in der dem Alter angemeſ⸗ jenſten Sprache, daß von dieſem alles Gute komme, daß er aber nur die Guten liebe, es nur den Guten dauernd wohlgeben laſſe, daß ſein heiliges Geſetz zu uns durch unſer Gewiſſen rede und einen unbedingten Gehorſam fordere und verdiene ¹).

Das Kind wird ſeinen Vater, ſeine Mutter mehr lieben; es wird ihnen inniger danken und wahrhafter vertrauen, wenn es an einen Gott glaubt, der ſeines Vaters Vater, der aller Väter Vater und aller Kinder Vater iſt. Es wird, es muß jedes Geſchöpf ſeiner Art, in dem es ein Kind ſeines Gottes und ſeines Vaters erkennt, reiner lieben, ihm mit höherem Gemüthe und aus höhe⸗ ren Trieben die Hand bieten. Die ganze Natur wird ihm als Offenbarung der Liebe und der Kraft ſeines Gottes und Vaters heiliger ſein, als ſie ihm ſonſt war 2).

Auf das göttliche Walten in der Natur und Menſchenwelt werde alſo das Kind öfters hingewieſen, auf Gott, wenn es über den Sternen leuchtet und blitzt, auf Gott, der ſich in dem Wechſel der Jahreszeiten, in dem Kampf der Elemente, in der Lieblichkeit und Furchtbarkeit der Natur offenbart)..

Was nun den Religionsunterricht ſelbſt betrifft, ſo iſt, wie allgemein aner⸗ kannt iſt, für die erſte Stufe deſſelben Nichts geeigneter, als die bibliſche Ge⸗ ſchichte 4), freilich in einem angemeſſenen Auszuge, mit Hervorhebung der ſittlichen Momente, zu welchem Zwecke es uns an trefflichen Schriſten nicht ſehlt. Nichts lehrt in den frühen Jahren beſſer den Einfluß der göttlichen Vorſehung auf die Veränderung des Menſchengeſchlechts, Nichts kann für die Kinder ſo anziehend, und belehrend gemacht werden, als gerade die bibliſchen Erzählungen. Durch Vorhaltung des Ideals von Chriſtus und durch belebte Darſtellung anderer edler Charaktere ſuche man allmälig in der jugendlichen Seele die urſprünglichen Re⸗ gungen des Gemüthes zu wecken und die Gefuͤhle durch Wort und Lhat zu un⸗ terſtuͤzen. Sehr wahr ſagt Nie meyer:Das chriſtlich⸗religiöſe Gefühl belebt und erwärmt ſich am ſchönſten an des Erlöſers Bilde, wenn er nur recht frühe der Seele nahe gebracht wird, als das höchſte Urbild der Heiligkeit und Guͤte,

1) Niemeyer's Grundſaͤtze ꝛc. I. S. 165.

2) Peſtalozzi' Anſichten, Erfahrungen und Mittel zur Befoͤrderung einer der Menſchenna⸗ tur angemeſſenen Erziehungsweiſe. I. Abſchn. 8 Brief.

3) Nicht genug von Eltern und Erziehern in dieſer Hinſicht zu beherzigende Winke gibt Nie⸗ meyer a. a. O. I. 175 ꝛc.

4) L'étude de Thistoire sainte est, sans parler de l'agrément qui s'y trouve par la beauté et la grandeur des événements, la manière la plus solide d'instruire la jeunesse de la réligion. Féndlon.