Aufsatz 
Über sittlich-religiöse Bildung, als den höchsten Zweck der Erziehung und des Unterrichts / von Prorector Rotwitt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

Es iſt das innere Band, welches die Kirche und Schule feſt umſchlingen ſoll, ſagt Seebode),gewaltſam zerriſſen, damit zugleich das religiöſe Ele ment gefährdet und das kirchliche Leben in der Schule faſt vernichtet; das Ler⸗ nen, das vielerlei Lernen, und die reife vielſeitige Verſtandesbildung iſt als Zweck und Ziel hingeſtellt.

Ich beabſichtige deßhalb, in der folgenden Abhandlung auf die Wichtig keit der ſittlichen oder ſittlich-religiöſen Bildung, als des höchſten Zweckes jeder Schule, aufmerkſam zu machen, und zugleich darzulegen, wie die Gegenſtände des Unterrichts auf einer Gelehrten-Schule, namentlich in dem Knaben- und beginnenden Jünglingsalter, wo die Stärke des Verſtandes noch mangelt, wo die Seele mehr im Gefühle und in der Phantaſie lebt, und nur eine kürzere Reihe der Gedanken zu überſehen vermag, gewählt werden müſſen, damit das, was gelehrt wird, die ganze Geſinnung des ernenden veredle und ſie auf ein großes ewiges Ziel hinlenke.Nicht nur eigentliche Erziehungsanſtal⸗ teu, welche beinahe den ganzen elterlichen Einfluß erſetzen ſollen, auch die, welche zunächſt nur den Unterricht zu beſorgen haben, dürfen die höchſten Zwecke, die Veredlung des ganzen Menſchen, folglich die Erweckung, die Nährung und Stär⸗ kung des Sinnes fuͤr alles Sittliche, Edle und Große nie aus den Augen ver lieren 2). Und wenn ich auch keineswegs glaube, über den wichtigſten Theil aller menſchlichen Bildung hier Neues bieten zu können, die ſittlich-religiöſe Bildung der Jugend ward ſchon häufig und mit Wärme beſprochen, und iſt als höchſter Endzweck der Schule anerkannt; ſo halte ich es doch nicht für unnütz, auf's neue anzuregen, daß die Jugendbildung auf religiös-ſittlicher Geſinnung ruhen muß, daß ohne reine Tugend, ohne frommen Sinn das Wiſſen werthlos iſt, daß erſt durch Verfolgung des religiöſen Zweckes der Unterricht ſeine höhere Weihe erhält.

Es iſt unleugbar, daß der Zweck aller Erziehung die Bildung zur Humanität ſci. Alle Kräfte des jungen Meuſchen, die körperlichen und geiſtigen, ſollen ver nunftgemäß entwickelt werden, um die vernünftige Beſtimmung in dem Erdenle ben erfüllen zu können. Derſelbe ſoll durch eine den Verhältniſſen und der Zeit gemäße Bildung in den Stand kommen, ſich der möglichſten menſchlichen Voll⸗ kommenheit anzunähern. Schwarz ³) ſagt:Die Hoffnung, durch fortgeſetztes Streben in der Erziehung eine Veredlung der Menſchheit herbeizuführen, iſt kein bloßes Luftgebilde, ſondern ſie findet in unſerer Religion ſelbſt eine Stütze. Der Geiſt des Chriſtenthums fordert einen beſtändigen Fortſchritt, ein unendliches Streben nach Gottähnlichkeit, und da dieß, den Geſetzen der geiſtigen Entwicke⸗ lung gemäß, nicht plötzlich, nicht in einer Generation zu dem höchſten erreichba⸗

1) Seebode's Nachrichten von dem Herzogl. Gymnaſ. Casimirianum. Koburg 1835. S. 2.

2) Niemeyer's Grundſätze ꝛc. II. S. 528.

3) Lehrbuch der Erziehung und des Unterrichts. 4te Aufl. Neu bearbeitet von Curtman. Heidelberg 1843. Thl. I. S. 65.