Aufsatz 
Über sittlich-religiöse Bildung, als den höchsten Zweck der Erziehung und des Unterrichts / von Prorector Rotwitt
Entstehung
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gezügelt und gezähmt werden muß. Aber wenn auch nur wenige Jünglinge ſich einem edeln Beſtreben widmen, ſo wird auch deren Einfluß ſich weithin im Staate verbreiten. Und derſelbe ſagt an einem andern Orte ¹):Bei der großen Ver⸗ ſchiedenheit der Menſchen und dem Wechſel der Meinungen iſt es um ſo nöthiger, daß der Keim des Guten frühe geweckt, der Vergnügungsſucht, der Mutter aller Uebel, vorgebeugt, und ein tieferer Sinn angeregt werde. Aber nur durch Er⸗ ziehung und Zucht kann gewiſſermaßen dem Laſter vorgebeugt, ja daſſelbe unterdrückt werden. 1

Von welch einem wichtigen Einfluſſe auf Bildung und Erziehung iſt aber die Lehre Jeſu Chriſti, dieſe Religion der Liebe, die au Liebe gegruͤndet und von Liebe in allen ihren Theilen durchdrungen iſt!2) Keine Religion lehrt ſo, wie ſie, in dem Menſchen die Menſchheit ehren: keine hat eine ſo allgemeine Bil⸗ dung und Veredlung aller ihrer Glieder in allen Ständen bezweckt, beine in glei chem Grade das allgemeinſte Intereſſe an dieſer Bildung aufgeregt.

Beſonders hat man, ſeit der Wiederherſtellung der Wiſſenſchaften, wozu die erneuerten Studien der klaſſiſchen Literatur der Griechen und Römer ſehr wirkſam waren, ſo verſchieden auch die Anſichten über die beſte Unterrichtsmethode und über den kürzeſten Weg zur Erreichung des Zweckes bei der Jugendbildung gewe⸗ ſen ſind, ja, ſo ſehr man auch in Hinſicht deſſen von einander abwich, was Bil⸗ dung eigentlich ſei, dennoch einen und denſelben Zweck, nämlich den Unterricht durch Lehrgegenſtände und Lehrmethode zu verbeſſern und feſte Grundſätze in der Erziehungsweiſe aufzuſtellen.

Und faſt in allen Ländern Europa's hat man ſchon, ſeit länger als drei Jahrzehenden, auf dieſen Zweck eifrigſt hingearbeitet. Es iſt Vieles und Treffli⸗ ches geſchehen für die Volksſchule, die niedere, wie die höhere, und für die Gelehrten⸗ Schule; aber leider iſt das Meiſte nur auf die Bildung des Verſtandes und Ge⸗ dächtniſſes, Wenig oder gar Nichts auf die Bildung des Herzens, des Gemuͤthes berechnet; Alles ſcheint mehr darauf abgeſehen, für das kurze Erdenleben, für Stand und Beruf bilden zu wollen, als das zu berückſichtigen, was den Menſchen beſſert, was ihn Gott näher bringt. Will ich mich nun gleich nicht zu der An⸗ ſicht derer bekennen, welche die ſchon ſo alte Klage beſtändig im Munde führen, daß die Welt täglich ſchlimmer werde, ſo iſt doch nicht zu leugnen, daß es, ſeit Verbeſſerung der Schule, mit der ſittlichen und religiöſen Nusbildung nicht beſſer geworden iſt; und daß es ſo iſt, daran trägt einerſeits eine Hauptſchuld, daß das kirchliche Leben, daß der religiöſe Sinn in unſerer Zeit mit ihrer realen Richtung, ihrer Vielthuerei geſunken iſt, andererſeits, daß die Schule uͤberhaupt das Erzie⸗ hende, was in den meiſten Unterrichtsgegenſtänden liegt, zu wenig berückſichtig und hauptſächlich nur die Verſtandescultur und Mittheilung von Kenntniſſen im Auge hat.

1) De Lcgib. I. 17, 47. III. 15. 29. 2) Niemeyer's Grundſatze der Erziehung und des Unterrichts Halle 1819. Thl. I1I. S. 321.