Aufsatz 
Zur Entwicklung in Schillers Wallenstein
Entstehung
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An die Stelle der entſchloſſenen Thatkraft tritt nunmehr Unſchlüſſigkeit, an die Stelle zuverſichtlichen Vertrauens bange Sorge und trügeriſche Luſt. Sonſt und jetzt ſtehen ſich in dem Zeitraum der dramatiſchen Entwicklung gegenüber. Die alten Verhältniſſe ringen mit den werdenden. Dem früheren Wallenſtein iſt Max voll Bewunderung, ja Anbetung ergeben. Von dem jetzigen wendet er ſichmündig geworden verzweifelnd ab.

So ſcheint es denn auch jene alte Natur zu ſein, die der Herzog wieder zu gewinnen ſucht und er findet ſie, ſobald er ein wirklich ſittliches Moment für den Kampf gegen den Kaiſer gefunden. So lange die That für ihn ſubjectiv nicht nothwendig war, ſo lange ihm eine Möglichkeit vorſchwebte, dem Abfalle aus dem Wege zu gehen, ſo lange auch hatte er nicht den Muth, die Treue zu brechen. Jetzt aber tritt die Pflicht der Selbſterhaltung an ihn heran, für ſein Leben fechtend fühlt er die Bruſt wieder frei und den Geiſt hell; jetzt geht er freudig mit alter Siegesgewißheit in den unvermeidlichen Kampf, um Sein und Nichtſein.

Und damit erfüllt er ſein Geſchick und büßt die große Schuld, die er mit langer Ueberlegung auf ſich genommen. Er büßt ſein Unrecht mit dem Untergange alles deſſen, was auf Erden ihm werth war. Nicht genug, daß er der freigebigſte Fürſt, er, der allen ſeinen Kriegern ein Vater war, von eben dieſen in der Stille der Nacht feige ermordet wird; an ſeinen Untergang knüpft ſich auch das allgemeine Verderben der Seinigen: Max und Thekla, Illo und Terzky, die Gräfin und wer immerin ſein Schiff hineingeſtiegen, muß mit demſelben untergehen. Sein ganzes kühnes Werk bricht zuſammen, ſo daß ni chſts dauerndes beſtehen bleibt.

Und doch hat der Dichter in uns ein Bild des Helden gezeichnet, das wir mit inniger Theilnahme behalten werden. Denn wir ſehen nicht bloß die ſonſt ſo edele und große Natur des Herzogs mit Schuld mehr und mehr ſich beladen, ſondern wir beobachten auch, wie im ſelben Maße, als das Verderben äußerlich über ihn hereinbricht, innerlich die Läuterung des Helden ſich vollzieht. Wahrhaft königlich zeigt er ſich in ſeinem letzten Auftreten; bange Sorgen, Träume der Gräfin haben jetzt keine Macht mehr über ihn. Mit Wüde ſpendet er den Dienenden ſeinen Beifall; männlich gefaßt, erquickt er mit ſeinem Troſte Weib und Tochter. Die kaiſerliche Kette zerſpringt, das erſte Liebespfand des Kaiſers; von ihr hatte er ſich nicht trennen können. Jetzt aber ſicht es ihn nicht an; nicht die drohenden Zeichen am Himmel, die nahes Unheil verkünden. Mit majeſtätiſcher Ruhe und freigebiger Huld ſpendet er Wohlthaten rings um ſich her; mit ungeheucheltem, tiefſten Schmerz trägt er der Erde Wehe. Er zahlt den ſchwerſten Tribut, den er zahlen kann, denn ſein Herz blutet, wie ſein beſter Freund ihn verräth, wie ſein liebſter Gefährte vor ihm in's Grab ſinkt. So findet der innerlich gereinigte Held der Rettung ſo nahe ſein tragiſches Ende!

So iſt uns derſelbe nicht bloß verſöhnt, ſondern auch menſchlich näher getreten. Er, der uns ein fremder war, ſo lang er jenen unheimlichen, dämoniſchen Gewalten diente, iſt jetzt ein anderer geworden. Wir ſehen, wie er ſich von ſeiner Schuld mehr und mehr losringt und uns in all denliebenswerthen Zügen ſich zeigt, die der Dichter ſo geſchickt uns grade am Ende noch einmal vorführt. Wir verſchließen uns nicht vor ſeinen Schwächen, die wir ſchon darum, weil wir ſie theilen, nachſichtiger beurtheilen, aber wir bewundern ſeine wahrhaft königliche Majeſtät auch im Untergange, die der Sonne ähnlich im gleichen Maße, als ſie der Erde ſich zuneigt, an Größe, an mildem Glanze und menſchlicher Nahbarkeit zu gewinnen ſcheint.