Aufsatz 
Zur Entwicklung in Schillers Wallenstein
Entstehung
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Herrn. Das alte Wort klingt uns aus jeder Seite des Dramas entgegen. Und wenn wir an Wallenſtein ſonſt ſo gern mit Mar zu beobachten glaubten, daß erwahrhaft und unverſtellt ſei, eine Eigenſchaft, die auch(W. T. III. 15,) der Gefreite rühmend erwähnt; daß er die krummen Wege haſſe, daß er ſo gut, ſo edel ſei, ſo zeigt ſich, genau betrachtet, ſeine Natur doch nunmehr durchaus unwahr, ſobald er dies im Intereſſe ſeiner letzten, nie aus den Augen gelaſſenen Ziele für nöthig hält. Und ſo ſehen wir ihn denn im Laufe des Dramas eine Unaufrichtigkeit zu der andern fügen. Daher der falſche Schein einer Verheirathung, als er Weib und Tochter kommen läßt, die nicht als Pfand in der Hand des Kaiſers bleiben dürfen, daher die Berufung der ſämmtlichen Generale, die unverfänglich zumWinter⸗ lager ſich zu vereinigen glauben, daher die aufmerkſame Behandlung aller derer, die ihm zu Willen ſein ſollen. Sie,deren Rath Friedland nie bedurft, ſie werden aufgefordert, dem Queſtenberg zu antworten, gleich als ob ſie zu entſcheiden hätten; daher ferner das zweideutige Weſen gegen Illo und Terzky. Dieſe ſollen um jeden Preis die Unterſchriften verſchaffen, ſollen ſich compromittiren und er behält ſich dann vor nach Umſtänden ſie zu verleugnen.

Und aus dieſem Grunde erweckt Wallenſtein den falſchen Schein, als wolle er ſeinen Feldherrnpoſten verlaſſen. Nur um die Oberſten iſt es ihm leid. Die kommen dann ſchwerlich zu den vorgeſchoſſenen Geldern; ihr Verdienſt altert ſchnell, ſie werden nach ihm auf die Seite geſchoben. So erregt er ihre Beſorgniß und drängt ſie unter dem Scheine uneigennütziger Gleichgültigkeit zu einer leidenſchaftlichen Parteinahme für ſein Intereſſe.

Mit demſelben Truge hintergeht er die Schweden; ſie, denen er ſtetsgut ſchwediſch geſinnt geweſen ſein will, haßt er bei einer andern Gelegenheitgleich dem Pfuhl der Hölle. Maßgebend iſt dem Herzog ſtets nur das eine Ziel, daß ſeine Leidenſchaften umgaukelt und dieſem Ziele vermag er ſogar den Max zum Opfer zu bringen. Er liebt Max ebenſo wie irgend einen andern; er hat ihm in unmittelbarſter Nähe einen Platz gegönnt und ſeine Ent⸗ wicklung ſelber überwacht. Er hat es zugelaſſen, faſt möchte man ſagen, begünſtigt, daß Max auch der Thekla näher trat. Er ſieht es gern, daß er dadurch des jungen Piccolomini ſich verſichern kann; aber es kommt ihm nicht bei den Preis zu zahlen.Fein bürgerlich zuſammenzuthun, was ſich liebt, iſt nicht ſeine Abſicht. Dertolle Junge mag einſtweilen die Augen zur Thekla emporſchlagen, das wird den Planen des Vaters zu Hülfe kommen; wiſſen ſoll Marx es nicht, was für Abſichten der Herzog in Wirklichkeit mit ſeiner Tochter verfolgt.

So wird die Täuſchung überall und bis zu dem letzten Momente durchgeführt, wo die Pilſener meinen ſollen, man habe ſich in Prag für Wallenſtein entſchieden und die Soldaten in Prag, man habe ſich in Pilſen für den Herzog erklärt. Ueberall Lug und Trug, ſo daß der Feldherr ſchließlich ſelber ſich täuſcht und zum betrogenen Betrüger wird. Er ruft dengroßen Gott des Himmels an, daß es nicht ſein Ernſt geweſen. Nur der Schein ſoll gegen ihn ſein.Der Unſchuld des unverführten Willens ſich bewußt ruft er mit der ſittlichen Entrüſtung, die nur dem aufrichtigen Ernſt eigen iſt, den Küraſſiren zu:

Mich, mich verräth man! Aufgeopfert hat mich der Kaiſer meinen Feinden ec.

Und auch der Grund ſeines Sturzes iſt ihm eine Genugthuung, denn er hat ja nur Gutes und Uneigennütziges gewollt. Weil ich den Frieden ſuche, muß ich fallen. Das wird mit ſolcher Ueberzeuguug geſprochen, daß er die ſelbſtändig denkenden und geradeaus handelnden Pappenheimer für ſein Recht leicht beredet. Wallenſtein glaubt ſchließlich, das dürfen wir nicht vergeſſen, eine ſittliche Berechtigung für ſein Handeln zu haben und im ſelben Maße, als die Gegen⸗ partei drängt und zu einer That ihn zwingt, ſchwinden die widerſtrebenden Bedenken. Der Zweifel flieht und mit der alten Freudigkeit am Schaffen und der Zuverſicht zum glücklichen Erfolge nimmt er den Kampf für ſein Haupt und für ſein Leben auf. Durch den Zwang von außen hat er ſich wiedergefunden.

Es iſt, als wenn wir in Wallenſtein zwei Naturen wahrnehmen; eine erſte, ältere, wie die Herzogin ſie früher beobachtete, wie die alten dem Wallenſtein ſo vertrauten Pappenheimer ſie ausſchließlich kannten und wie ſie dem verehrenden Max göttergleich entgegen leuchtete, voller Hoheit, Kraft und Wahrheit und eine zweite, die erſt durch die Verſuchung über ihn gekommen. Was der erſte war und wollte, das hat er, der dem MaxWärterin,Vater, Freund,Kaiſer, kurz Alles geweſen, im Max wieder darzuſtellen verſucht. Wir dürfen, wie bereits berührt, in dieſem keine Eigenſchaft vermuthen, die wir nicht in ihrem letzten Grunde in Wallenſtein wieder entdecken köͤnnten. Und doch hat derſelbe maßlos vorwärts ſtrebende Mann den Verlockungen zur Selbſtſucht, Rachgier und Untreue nicht widerſtehen können. Im Wahne einem innern Berufe zu folgen und der Mann des Schickſals zu ſein, ergab er ſich den Mächten, deren verderbliche, die Seele verwirrende Macht er ſelbſt ſo tief empfunden und ausgeſprochen hatte. Und weil ſo ein anderer Geiſt im Wallenſtein mächtig geworden, iſt ſein Wille beſchränkt und ſein Blick getrübt. Schurken wie Illo, ränkevolle Weiber, wie die Gräfin, lenken jetzt ſeine Entſchließungen. Jetzt dürfen die Schweden in dreiſter Sicherheit ihre ſtolzen Bedingungen ſtellen, jetzt wagen es untergeordnete Naturen, wie Buttler, in unmittelbarer Nähe des Herzogs ſeinen ergreifenden Untergang herbeizuführen. Er, der große Mann, iſt vorübergehend ein kleiner geworden.