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wunderbaren Bahnen muß er ſich bewegen gleich den Sternen, an die er ſein Schickſal knüpft. So lebt und webt er mit ſchwärmeriſcher Gewalt mitten im Wunderglauben.
Schon in der Kindheit hatte man ſein eigen übernatürliches Weſen bewundert. Es ergriff ihn ſeltſam, daß man„bald Gott bald Wahnſinn aus ihm zu hören“ glaubte. Aber erſt ſpäter, zu Padua, ergab er ſich ganz den geheimnißvollen Mächten;„er wandte das Herz den dunklen Künſten zu, die keinen, der ſie pflegte, noch beglückt“. Und ſo ſuchte er denn aus den Erſcheinungen der Natur das Uebernatürliche zu entdecken, das maßgebend für ſein Verhalten ſein ſollte. So ſpricht er von einem allgemeinen Weltgeiſte, dem man(d. h. die auserleſenen, hellſehenden Joviskinder) zeitweilig nahe genug iſt, um von ihm ſichexen Rath über die Zukunft zu erhalten. Wiſſen wir uns dabei zu ſchützen gegen die Lockungen des„Lügengeiſtes“ des„Maleſicus“, der uns berücken möchte, indem er die Wahrheit nachahmt und betrügliche Orakel vorhält, ſo dürfen wir unbedenklich der Stimme des Herzens folgen, die das Organ des Schickſals iſt. So wird das Herz, die innere Welt, zu dem Mikrokosmus, aus dem des Menſchen Thaten quellen. Freilich weiß Wallenſtein dabei in ſeinem Herzen jenes„gröbere Element“, das zu der Erde zieht. Er vermag nicht, wie die reine Seele des Max im„leichten Feuer des Salamanders“ zu leben. Drum muß er ſtetig ringen mit jenen ſchlimmgearteten, falſchen Mächten, die Niemanden ohne Opfer ausgehen laſſen:„Keiner lebet, der aus ihrem Dienſt, die Seele hätte rein herausgezogen“. Aber er glaubt doch Herr in jenen übernatürlichen Gebieten geworden zu ſein, und jene Geiſtesleiter erklimmen zu können, die„aus der Welt des Staubes bis in die Sternenwelt mit tauſend Sproſſen Hinauf ſich baut, von der die himmliſchen Gewalten wirkend auf und nieder ſteigen“. Klar ſchaut er mit ſeinen Augen jene Kreiſe in den Kreiſen, die ſich eng und enger um die centralſche Sonne herumziehen und nur noch den hellgebornen, heitern Joviskindern erkenntlich ſind. 4
Und nun ſagen dieſe fernſten Kreiſe dem Herzoge, daß das Reich des Saturnus, des Maleficus zu Ende gehe. Auf geht jenes glänzende Geſtirn ſeines Vaters Jupiter. Nun muß er handeln, muß ſchnell handeln, ehe die Glücksgeſtalt entſchwindet.——
Das iſt alſo das dritte Motiv, das Wallenſtein's Handeln leitet und das ſich ſtärker zeigt, als der ſelbſt⸗ ſüchtige Trieb nach Herrſchaft oder als das Intereſſe der Geſammtheit. Als die Gräfin Wallenſtein zum Abfalle bereden möchte, an ſeinen Muth und ſeine Schaffensluſt appellirt, ihn an die Kränkung und des Kaiſers Eigennutz, an ſeine Gutmüthigkeit und Ferdinand's Unrecht erinnert, da vermag Wallenſtein wol zu ſchwanken und ſittliche Gründe für die innere Berechtigung des Abfalls werden in ihm wirkſam; entſcheidend aber iſt erſt der Wink der Planeten, die„ſieghaft“ über ihm ſtehen und jetzt endlich zum ſchnellen Abſchluſſe mit den Schweden auffordern.—
So mildert der Dichter des Helden Schuld, indem er Motive mitunterlegt, die ihn, wenn nicht rechtfertigen, ſo doch befangen im allgemeinen von W's ganzer Umbebuug getheilten Wahne der Zeit darſtellen. Menſchlich rückt W. uns näher, da wir in ihm den allem Truge ſo zugänglichen Menſchen erkennen.„Die größere Hälfte ſeiner Schuld iſt den unglückſeligen Geſtirnen zugewälzt“.
Kennen wir damit die drei urſprünglichen Motive ſeines Handelns, ſo werden wir aus dem Hinzutreten eines vierten Grundes die Entſtehung des Conflictes, ſeine Entwicklung und das ſchließliche Reſultat leicht begreifen.
Sehen wir dabei von der Thätigkeit ſeiner Feinde ab und fragen wir uns, ſeit wann die Entfremdung vom Herzen des Kaiſers und damit der geiſtige, innere Abfall begonnen habe, ſo werden wir auf die Zeit des Regensburger Tages und ſeiner Urſachen geführt. Davor gab es eine Zeit, wo Wallenſtein noch„der fröhlich Strebende“ war, deſſen Ehrgeiz ſich einem„milderwärmenden Feuer“ vergleichen ließ. Damals war er„dieſem Ferdinand ſo theuer“. „Er liebte mich, er hielt mich werth, ich ſtand der Nächſte ſeinem Herzen“. Aber nach und nach änderte ſich dies Verhältniß. Im Dienſte des Kaiſers vergewaltigte Wallenſtein das deutſche Reich; ihm zu Liebe trat der Herzog das Recht der Stände mit Füßen und dafür zum Lohne ließ der Kaiſer ihn„fallen, fallen dem übermüthigen, Wallenſtein perſönlich feindlichen, Baiern zu Liebe“. Da kam ein„böſer Geiſt“ über den gekränkten Feldherrn. Er wurde unſtät und ungeſellig, ja argwöhniſch und finſter. Die Ruhe verläßt ihn und das fröhliche Vertrauen zur eigenen Kraft; er wendet ſich„zu jenen dunkeln Künſten, die keinen, der ſie pflegte, noch beglückt“.
Unter dieſen vom Kaiſer heraufbeſchworenen Verhältniſſen entwickelt ſich die ſtolze Selbſtſucht des ehrgeizigen Mannes zur bittern Luſt nach Rache. Büßen ſollen es alle, die ihn gekränkt. Spanier und Italiener, Geiſtlichkeit und Fürſten, kurz wer an ſeinem Sturze ſich betheiligt, ſoll es fühlen, an wem er ſich vergangen. Und bei dieſer Geſinnung kann es nur von der Gelegenheit abhängen, wann und wo die Rache eintrete; Wallenſtein nimmt ſie, ſo bald als möglich wahr. 1 . Die Noth bringt ihn wieder an die Spitze. Jeder Theil weiß, daß kein Vertrauen vorhanden; daß der Feldherr andere Ziele verfolgt, als der Hof; Wallenſtein aber faßt die Lage noch anders auf:


