Aufsatz 
Zur Entwicklung in Schillers Wallenstein
Entstehung
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Weiſe nachſichtige Milde und all dieliebenswerthen Zügen des Herzens, von denen Gordon ein ſo beredtes Zeugniß ablegt. Erinnern wir uns dabei ferner ſeines Dranges zu wirken(Wenn ich nicht wirke mehr, bin ich vernichtet) und der andern edleren, ſittlichen Empfindungen, die ihn ſo warm und innig von der Treue ſprechen laſſen, dann müſſen wir an die Aufrichtigkeit ſeines Schmerzes glauben, grade von dem verfolgt und vernichtet zu ſein, dem er ſo viel geweſen. Wallenſtein wußte, als er dem Herzen Ferdinand's fremder wurde, daß er kein Vertrauen mehr zerſtören konnte; Octavio aber hat dieTreue zerſtört, dasVertrauen vergiftet und ſodas werdende Geſchlecht im Leibe der Mutter ermordet.

Und ſo kann denn derſelbe große Mann, deſſen wahrhaft königlicher Stolz und deſſen vornehme Gelaſſenheit unempfindlich erſcheinen möchten gegen die weichern Regungen des Gefühls auch vom tiefſten Schmerz gerührt ſich zeigen, als ſeine warme aufrichtige Liebe zum Max den ſchwerſten Stoß erleidet. Gebeugt ſcheint ſeine Kraft, als er auf dasreine, edle Haupt ſeines Lieblings das Verderben fallen ſieht.Hätt' ich vorher gewußt, was nun geſchehen, Und hätte mir das Herz wie jetzt geſprochen, Kann ſein, ich hätte mich bedacht. Und dann die ſchwächern Regungen des Herzens unterdrückend und im alten Stolze ſeines Berufes gedenkend fügt er die feſten Worte hinzu: kann ſein, auch nicht! Den beſten Theil ſeines Seins hat er dem Max übertragen; in Max beſtattet er ſein eigen Leben; aber auch das Opfer kann er ſich abgewinnen, auch den Tribut will er verſchmerzen, wenn das Schickſal dieſe Vorbedingung für die Erfüllung der letzten, großen Aufgaben ſtellt.

Und ſo kommen wir denn auf dasjenige, das Wallenſtein als ſeine Lebensaufgabe anſieht. Da hält es nicht ſchwer, über ſeine perſönlichen Neigungen Auskunft zu erhalten; dieſe gehen weiter, viel weiter, als auf redlichem Wege erreichbar ſcheint. Der den Wallenſtein durchſchauende und mit den alten, lang gepflegten Verhandlungen vertraute Wrangel äußert, wie ſchon der hochſelige König(Guſtav Adolf 1632) gemeint, derHerrſchverſtändigſte ſolle auchKönig werden. Damit berührt der ſchwediſche Unterhändler ganz genau das ſehnſüchtig begehrte Ziel des weiterſtrebenden Feldherrn. Denn ſtets hat W. ſich gedacht, wie er in jener heitern Familienſcene ausſpricht, ſeiner Tochter dermaleinſt eineKönigskrone aufzuſetzen. So lieb ihm Marx iſt, ja ſo ſehr er ſein edelſtes Selbſt in dieſem wieder zu erziehen trachtet, hat doch die innige Neigung zu dieſem ihre Gränze an ſeinem Stolze. Sein ſtiller Gedanke war es immer, eineſtolze Linie von Fürſten zu begründen und nun ihm ein Sohn verſagt blieb, ſollte die Tochter ſeines Glückes Erbe ſein. In dem Augenblicke, wo die Säulen ſeines Glückes wankten und bald zuſammenbrechen ſollten, träumte der ehrgeizige Mann von einem nie endenden Glanze des Hauſes!

Wir würden aber doch den Herzog falſch beurtheilen, wenn wir kein anderes Motiv ſeines Verhaltens entdecken könnten. Gemildert iſt es zunächſt durch die Anſicht, die Wallenſtein ſich ſelbſt eingeredet, und von der ſeine ganze Umgebung überzeugt iſt, daß er nicht im Intereſſe Einzelner arbeite. Mit dieſem Grunde, den der Selbſtſüchtige ſo gern glaubt und andern aufdrängt, weiſt er auf des Kaiſers eigennützige Politik hin, die unbedenklich Europens Beſtes opfere, um nureinige Hufen Landes zu gewinnen. Wallenſtein glaubt faſt ſelber nur darum den Feind geſchont zu haben, damitder Krieg bereits im Kriege aufhöre. Im Frieden aber ſoll dann das allgemeine Inter eſſe gewahrt werden. Der Soldat erhält den längſt fälligen Lohn, der Gemeine ſo gut wie der oberſte Feldherr; über ganz Deutſchland aber kommen die vom Mar ſo warm und ſchön geſchklderten Segnungen des Friedens. Der Deutſche wird dann wieder Herr im eigenen Hauſe. Spanier und Wälſche, Franzoſen und Schweden ſollen im Reiche nicht weiter mitzureden haben. Die alte Glaubenswuth hört auf und Papiſt und Lutheraner reichen einander die Hände. Das Leben, das dann um den Herzog ſich entfaltet, iſt ähnlich gedacht, wie die Gräfin es ſo verlockend demſelben vorführt. Ein glänzender, kunſtſinniger Hofſtaat wird begründet, gebaut wird und gearbeitet und nach allen Seiten fließen reiche, mit Luſt geſpendete Wohlthaten. So ein Segensſpender für viele zu werden, fühlt Wallenſtein ſich alsMann des Schickſals berufen und auch aus dem Grundeſpart er ſich die Mittel.

Unter dieſen Umſtänden begreift es ſich, daß er ſich berechtigt glaubt, zum allgemeinen Wohle ſich in den Beſitz der Mittel zu bringen. Im eitlen Selbſtbetruge meint er in der That als Patriot zu handeln, wenn er ſeinen Vortheil ſichert. Es iſt ihm gelungen vor dem eigenen Gewiſſen das Gefühl der Schuld zu erſticken und durchaus aufrichtig iſt darum auch die ſittliche Empörung, daß ſeine Abſichten verkannt und ſeine Handlungen verdreht ſind

Und um ſo entſchiedener ſehen wir Wallenſtein in ſeiner Ueberzeugung, als wir noch eine dritte treibende Kraft bei ihm beobachten. Es i*ſt dies Motiv ſo ſtark, daß es zu ſeinen Entſchließungen entſcheidend iſt, wie es denn ſchon lange an ihm ſeine Macht bewährte. Gemeint iſt damit der ſchon an ſo manchem großen Mann beobachtete Glaube, durch das Schickſal zu ſeiner Thätigkeit berufen zu ſein. Er ſpürt in ſich mehr als den Drang, ja er fühlt die Nothwendigkeit ſeinen Winken zu folgen.Nichts Gemeines iſt mehr an ihm(W. T. V. ec.). Auf ungewöhnlichen,