Aufsatz 
Zur Entwicklung in Schillers Wallenstein
Entstehung
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eine mild gewinnende und dem Mar iſt ſein Antlitz ſogar einesGottes Antlitz. Drum genügt daß bloße Erſcheinen ſeiner Perſon die Maſſen zu gewinnen. Es iſt nicht des Glaubens Sache(umMeßbuch und Katechismus kümmert man ſich ja nicht), wodurch die Scharen ſich einen, nicht das Vaterland(Wol die Hälfte kam Aus fremden Dienſt feldflüchtig uns hinüber). Zügelloſe, abenteuernde Leute hatten ſich mit friedliebenden Bürgersleuten im Wallenſtein'ſchen Heere zuſammengefunden; es fehlte faſt alles, was ſie einigen konnte, und ldoch feſſelte ſie das ſtärkſte Band an den einen Feldherrn. Er beſaßReſpect, Neigung, Vertrauen und hatte ſo miteiner Milch alle nähren, durch eine Schule alle bilden, miteinem Herzen alle beleben können, daß aller Willen ihm dienſtbar geworden war, er, er allein, das Heer an die Fahnen knüpfte.

Nun folgt der Gemeine freudig demSoldatenvater, der vielleicht gar ein Soldatenreich gründen und in demſelben jeden einzelnen Krieger beglücken will. Nun weiß es jeder höher ſtehende und weiter ſtrebende Offizier(Buttler) mit Sicherheit, daß er derVaterſorge Wallenſtein's gern ſein Wollen und ſein Handeln überlaſſen darf. W. kann nicht anders, als ſtetsfürſtlich belohnen und beglücken(Max). So beſitzt er die Gabe zu regieren, eine Eigenſchaft, die auch der Feind anerkennen muß und längſt anerkannte(Guſtav Adolf durch Wrangel). Iſt er nach deſſen Worten derHerrſchverſtändigſte, dann werden wir auch die genauere Erklärung des Max zulaſſen:Geworden iſt ihm eine Herrſcherſeele und iſt geſtellt auf einen Herrſcherplatz. Wallenſtein iſt ihm ein Führer, der alles weckt und ſteigert; jeden zieht er mit der ihm eigenthümlichen Kraft hervor, zieht dieſe groß und verwendet ſie am rechten Orte. Die Wohlthat einer ſolchen Führung empfindet ein Jeder; es iſt eineLuſt dem Herzog zu dienen, ihm ſich anzuſchließen mit aller Zuverſicht des Herzens. 3

Und dieſe Feldherrngabe hat zunächſt ihren Grund in der Sicherheit die Seelen anderer zu ergründen (Hab ich des Menſchen Kern erſt unterſucht, dann weiß ich auch ſein Wollen und ſein Handeln). Wie er im Allgemeinen die Macht der Gewohnheit kennt und daraus richtig das Thun gewöhnlicher Naturen vermuthet, ſo weiß er auch in einzelnen Leuten ſchnell ſich zu orientiren. So hat er bald die kleinen Eigenthümlichkeiten und Neigungen entdeckt z. B. beim Octavio; ja auch das, was man vor ihm verbergen möchte, bemerkt er gleich, wie er, um nur ein Beiſpiel anzuführen, im Bürgermeiſter von Eger ohne Mühe den heimlichen Proteſtanten auffindet. Ebenſo erkennt er mit ſcharfem Blicke, daß Gordon keinesHeuchlers Larve beſitze. Ja, ſo gewiß iſt ſich Wallenſtein dieſer Gabe, daß er faſt verächtlich dem Terzky zurufen kann: Lehr du mich meine Leute kennen.

Mit dieſem pſychologiſchen Blicke vereinigt er die Gabe Beobachtungen richtig auszunutzen. Den Gemeinen, ſeinen Kindern, erzählt er, wo ein Jeder ſich hervorgethan. Er weiß in gewaltiger Rede ſo überzeugend zu ihnen zu ſprechen, ſo geſchickt ſich zu vertheidigen, daß er die ſonſt ſo ſelbſtändigen Pappenheimer faſt beredet. Nur ein unerwarteter Zwiſchenfall zerſtört ſeine Erfolge.

Buttler rühmt, daß Wallenſtein ein großer Rechenkünſtler geweſen:Den Menſchen wußt er gleich des Brettſpiels Steinen Nach ſeinem Zweck zu ſetzen und zu ſchieben; und auch Queſtenberg rühmt vornehmlich die Gabe des Feldherrn, daß er die Menſchen zugebrauchen wiſſe. Ja ſelbſt dem Octavio gegenüber iſt dieſe Eigenſchaft nicht zu verkennen; mit einer gewiſſen Genugthuung im bitterſten Schmerze erklärt Wallenſtein, ſeine Kunſt ſei redlich,Doch dies falſche Herz Bringt Lug und Trug in den wahrhaft'gen Himmel.(Vgl. W. T. II. 1.) Und ebenſowenig wird am Buttler ſeine Geſchicklichkeit falſch angewendet. Denn womit anders hätte er den treuen Freund des Kaiſers zum Abfall bereden können, zur Untreue nach vierzigjährigem Dienſte, als durch Anſtachelung und Kränkung des maßloſeſten Ehrgeizes. So erſt entfeſſelte er gegen den Kaiſer die ganze dämoniſche Gewalt des Mannes, die mit kindlichem Vertrauendem Vaterauge folgte.

Aber freilich hätte das Alles, was wir an ihm ſchätzen lernten, nicht ausgereicht, ihm den Einfluß auf alle Gemüther zu ſichern. Dazu genügte nicht das majeſtätiſche Aeußere mit dem gewaltigen Blicke, nicht die geſchickte Beurtheilung und Verwendung der verfügbaren Kräfte; dazu ſind ganz beſonders moraliſche Eigenſchaften erforderlich, die um ſo mehr gelten, als ſie mit jenen berechnenden Fähigkeiten ſelten ausreichend vereint ſind. Auf dieſem Gebiete aber erſcheint Wallenſtein erſt recht groß. Furchtlos nimmt er den Kampf gegen dieKraft auf;in der blutigen Affaire bei Lützen Ritt er unter des Feuers Blitzen Auf und nieder mit kühlem Blut; nicht minder groß tritt er den abfallenden Truppen entgegen, ja, je mehr er verlaſſen und verrathen wird, um ſo majeſtätiſcher wird ſeine Ruhe, um ſo furchtloſer ſein Muth. Denken wir dann ferner an die Selbſtändigkeit, mit der er die Entſchließungen faßt und die Verantwortlichkeit übernimmt; dann an die Gabe, die er ſelbſt in der bedeutſamen Frage des Abfalls nicht verleugnet, ſchnell Entſchlüſſe zu faſſen und zweckmäßige Anordnungen zu treffen, ſo leugnet wol Niemand die Energie ſeines Willens. Und dieſelbe moraliſche Größe äußert ſich auch andern zum Vortheil. Fürſtlich iſt ſeine Frei⸗ gebigkeit nach allen Seiten, Großmuth übt er ſogar gegen den Kaiſer und damit vereinigen ſich in herzgewinnender