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er recht wehe dem Feldherrn thun, hat der Kaiſer Octavio Piccolomini erwählt, dem 18 Wallenſtein Jahre hindurch Vertrauen, ja Liebe geſchenkt.
Und damit nns kein Zweifel darüber bleibe, auf weſſen Seite ein gewiſſenloſer, über Alles ſich hinwegſetzender Ehrgeiz die Politik bedinge, wird unſer Blick(Picc 4 ꝛc.) in die Vergangenheit zurückgeleitet, und des Kaiſers hergebrachtes, geſetzloſes Verfahren berichtet. Würde uns das von Jemanden geſagt, der mitten im Conflict ſteht,— wie etwa in W. Tod von der Gräfin Terzky— ſo würden wir an Entſtellung glauben können; nun meldet es aber der ehrliche, biedere und unbetheiligte Kellermeiſter. Er ſpricht von dem„köſtlichen Pergament“, dem böhmſchen Majeſtätsbrief; den hat der„Grätzer“ willkürlich ſelbſt zerſchnitten; um Kanzel und Altar kam der Glaube, viele mußten flüchten und ſo iſt es denn bei den Zurückbleibenden zur Aufregung und Empörung gekommen.„Am ein und zwanzigſten des Mai's, da man ein tauſend ſechshundert ſchrieb und achtzehn, hat's angefangen“; ſeit den 16 Jahren iſt„nimmer Fried' geweſen auf der Erden“.
— Alſo überall ſehen wir daſſelbe gewiſſenloſe, eigenwillige Durchgreifen des Kaiſers. Wie ſteht dem nun
Wallenſtein gegenüber? Seit jenem Regensburger Tag iſt kein Band der Liebe und Freundſchaft mehr zwiſchen ihnen geweſen. Stets war W. dem Herzen des Kaiſers fremd geblieben.(„Der Kaiſer war mein ſtrenger Herr und nicht mein Freund“.„Krieg war ſchon zwiſchen mir und ihm, als er den Feldherrnſtab in meine Hände legte“.) Denn er gab dem Feldherrn eine Macht, die er keinem anvertrauen durfte. That er es, ſo ſchuf er damit eine unhaltbare Lage, einen Zuſtand, den ein Kaiſer als ſolcher ſo bald wie möglich zu beſeitigen bedacht ſein mußte. Wie viel mehr der Kaiſer, der ſo leicht dem Andern ſein Recht raubte. Er gab eine Zeitlang die ganze Macht aus der Hand, ähnlich dem Kaiſer Rudolf, der den Majeſtätsbrief aus Noth ſich abringen ließ. Aber den Ferdinand zwang eine Lage, an der Wallenſtein nicht ſchuld war. Und doch wollte nun Ferdinand den Pakt brechen, nicht offen, ſondern hinterrücks, nicht plötzlich, ſondern indem er nach und nach Wallenſtein entwaffnete und dann ihn ſchimpflicher denn je abſetzte. Gemißbraucht war Wallenſtein ſchon längſt, von ſeinem Sultan, wie die Gräfin ihn nennt; jedes fremde Recht hatte der Herzog für den eigennützigen Herrn niedertreten müſſen; nun ſoll die Reihe an Wallenſtein ſelber kommen. Können wir dieſen tadeln, wenn er den ſelbſtſüchtigen Plänen des Kaiſers widerſtrebt. Wenn er endlich Gebrauch macht von ſeinem Beding und Pakt? Nein, die Ueberzeugung gewinnt mehr und mehr Boden bei uns, daß er ſachlich und formell in ſeinem Rechte iſt, wenn er ſich nicht fügt. Sittlich muß er empört ſein, zu Zwecken verwendet zu werden, die er nicht rechtfertigen kann, und warum ſoll er nicht widerſtreben, da er legitim dazu durchaus befugt iſt. Haben wir damit eine Vorſtellung gewonnen, wie mächtig aus der Situation die Verſuchung zum Abfalle ſich ergab, ſo wollen wir nunmehr die weitere Entwicklung aus dem Character des Helden heraus zu verfolgen ſuchen.
Der Geiſt iſt nicht zu faſſen, wie ein anderer, ſagt Max, indem er der eigenthümlichen Verhältniſſe gedenkt, die Wallenſtein's Entſchließungen bedingen. Er hat eine Natur, die herrſchen will und muß. Wir werden ſeine That darum nachſichtiger beurtheilen und mehr verſtehen, wenn wir ſein innerſtes Weſen genauer kennen.
Dazu möge uns die erſte Anleitung Mar ſelber bieten, der mit ſeinem graden, offenen Weſen am aufrichtigſten ſchildert und eben weil er den Wallenſtein ſo hoch ſchätzte, ihn auch am ſorgfältigſten beobachtete und bewundernd ihm folgte. Aus ſeinen Worten können wir vielleicht ein übertriebenes Bild bekommen, aber nimmermehr ein in den Grund⸗ linien verfehltes. Ja, noch mehr, Wallenſtein iſt dem Herzen nach keinem ſo nahe getreten als dem Mar. Die empfängliche Seele des letzteren hat ſich für das Große und Liebenswerthe erſt erſchloſſen durch die Einwirkung dieſes zweiten Vaters. Wer hat alſo mehr hineinſchauen können in das innerſte Weſen des Helden, als der von Kindheit an ihm nahe Mar. Und ſo darf man wol den dieſem ſo eigenen, ſchwärmeriſchen Zug für das wahrhaft Große und Edle im letzten Grunde zurückführen auf Wallenſtein. Beide treffen ſich in dieſem Seelenadel, Mar als der, welcher der Leitung bedarf und ſie mit Freudigkeit befolgt, Wallenſtein als der Leitende, der nicht anders als führen und lenken kann. So verehrt ſieht denn Mar, der ſich dem Wallenſtein gegenüber noch nicht als„mündig“ anſieht, in demſelben einen Herrſcher im beſten Sinne des Wortes, dem es angeboren iſt, die Geiſter Anderer ſich unterzuordnen und wahrhaft zu regieren. Und da ihm zu dieſem„Herrſchtalente“ auch der„Herrſcherplatz“ zu Theil geworden iſt, iſt er ein Halt, ein ſicherer Halt, für viele Tauſende geworden.—
Drum iſt's auch dem Mar eine Luſt, in beredteſten Worten den Mann zu ſchildern, der Ausgang und Ziel ſeiner(des Mar) Thätigkeit geworden. Wir leſen mit Max den Adel des Fürſten ſchon äußerlich in den„reinen, edeln Zügen“, in der„hoheitblickenden Geſtalt“. Da begreifen wir, daß vor ihm ſich von Anfang an jeder Widerſtand bricht. Vor ſeinem Auge vergeht dem Streitenden die Kraft,„gleich der zarten Blume, die vor dem Blick der Sonne verzehrt wird. Aber nicht immer ſpricht die ſtrenge, rückſichtsloſe Gewaltaus ſeinen Zügen. Wie er blühend, freundlich, ungealtert (ſeit ihrem achten Lebensjahre, vgl. W. T. V. 4) der Thekla erſcheint, ſo iſt auch den Meiſten ſeine„gaſtliche Geſtalt“


