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Demnach ſteht die Sache ſo, daß bis jetzt noch Wallenſtein der allgebietende Herr iſt. Was die Gegenpartei im Lager treibt, ſcheint nicht der Mühe werth zu ſein. Die lange Perrücke iſt im Lager bald hierhin bald dahin gegangen, hat wie ein„Spürhund“ des Feldherrn Schwächen erſpäht, auch verrathen, daß man ihm wieder„bei Hofe nicht ganz grün“ ſei, aber nur Abweiſung der Verlockungen und Verehrung des Feldherrn gefunden. Dreiſter iſt dann der Vorpoſten der Geiſtlichkeit vorgegangen, etwas unzuverläſſig hat er einige gemacht; im Weſentlichen aber iſt ſein Angriff— und zwar im eigentlichſten Sinne zurückgeſchlagen. Dagegen haben ſich Wallenſtein's Ausſichten nur zu ſeinem entſchiedenen Vortheil gebeſſert. Die— nunmehr concentrirten— Maſſen ſind ſich des nahen Conflictes bewußt geworden, ſie haben deutlich Partei genommen, ja ſie haben ſogar eine ſchriftliche Erklärung aufgeſetzt, daß ſie unter allen Umſtänden bei dem Soldatenvater zu bleiben wünſchen.
So iſt denn nicht bloß unſer Intereſſe, ja unſere Theilnahme für Wallenſtein gewonnen, ſondern auch die Hoffnung in uns erſtarkt, daß Wallenſtein aus dem anhebenden Conflicte ſiegreich hervorgehen werde. Wir wuͤnſchen ihm den Erfolg, da er offen kämpft gegen die verſteckten Angriffe(alte Perrücke), da er hochherzig denkt und auftritt im Gegenſatz zu den rohen Schimpfreden ſeiner Gegner(Kapuziner). Ganz beſonders aber vertheidigt er nur ſein Recht(ſeinen Pakt) und das der Soldaten gegen den Eigennutz und die Schwäche des Hofes.
Allerdings iſt uns Wallenſtein noch nicht perſönlich entgegengetreten; aber um ſo höher und edler erſcheint er, da das Rühmen aller nur ſeiner unvergleichlichen und außergewöhnlichen Perſönlichkeit gilt. Und darum haben auch wir uns gern beſtechen laſſen und längſt ſchon deshalb für ſeine Perſon Partei genommen; und aus demſelben Grunde haben wir auch unſere Augen verſchloſſen vor den Gefahren, denen er in ſeinem Unternehmen begegnen muß.
Die Soldaten, die„blind im Gehorſam“ ſonſt waren, jetzt ſollen ſie ſelbſt bereits entſcheiden; zwiſchen dem Kaiſer und dem Feldherrn kommen ſie mit ihren Wünſchen. Werden ſie, die freimüthig über des Kaiſers Befehle ſich auslaſſen, nicht auch vielleicht ſonſt ſelbſtändig werden und in der Verehrung Wallenſtein's nachlaſſen? Wirklichkeit kann dieſe Mögichkeit werden, wenn der Conflict weiter geht und direct und unmittelbar des Kaiſers Vertreter gehört werden, wie man vordem nur aus des Feldherrn— vielleicht unredlichem— Munde von jenem vernahm. Iſt ferner das im„Lager“ Geſchehene im Stande, den Kaiſer zu befriedigen und den Conflict auszugleichen? Wallenſtein trägt ſich mit den Gedanken des Widerſtandes; wird die Erklärung ſeiner Krieger, unbedingt zu ihm zu ſtehen, nicht vielmehr ſeinen Entſchluß weiter befeſtigen und den Conflict nothwendiger machen? Mit dieſer Frage werden wir zum zweiten Theile, den Piccolominis geführt. 1
II.
Wir ſahen bereits, daß ſchon länger der Conflict ſich anbahnte. Im„Lager“ ſind die Gegenſätze nur deutlicher geworden und die Maſſen haben begonnen Stellung zu nehmen. Sie, die von beiden Seiten umworben ſind, bilden natürlich das nächſte Object des Streites. Wir ſahen, daß die Erklärung allerdings zu Gunſten des Führers ausfiel. Welchen Gebrauch aber macht man von dieſem Vortheil? Wallenſtein's Perſon war uns von Anfang an fern geblieben; jetzt ſehen wir ihn mehr und mehr der Verſuchung näher treten, anfangs dem Anſcheine nach nur abwehrend, dann — immer aber noch zögernd— zum vorbereitenden Handeln, endlich zum offenen Kampfe übergehend, bis er ſchließlich im letzten Theile(Wallenſtein's Tod) ſeine ganze alte Energie und Größe wiederfindet. Aber auch die anfängliche unverkennbare Schwäche in ſeiner Entſchließungsfähigkeit entſpringt Eigenſchaften, die wir doch zu rechtfertigen geneigt ſind. Wir rechnen es ſeiner Treue, ſeinem Rechtsgfühl hoch an, daß er auch in der Abwehr gegen zugemuthetes Unrecht voller Bedenken iſt. Der Gegner, ſo will uns, nachdem wir im Lager bereits den Eindruck gewonnen, im zweiten Theile erſt recht bedünken, der Gegner will dem Wallenſtein, da ihn der Pakt reut, an das wolerworbene Recht. Jeder gemeine Soldat weiß es, daß der Feldherr ein Recht darauf hat allein und unbeſchränkt zu befehlen. Nun kommen die Verſuche, dem Wallenſtein nach und nach ſeine Macht zu verkümmern. Er ſoll Truppen abgeben, er ſoll es ruhig anſehen, daß Altringer und Gallas ungehorſam werden; er ſoll ſich nach Baiern komman⸗ diren laſſen; unbekümmert darum, ob der Soldat mitten im Winter marſchiren kann, unbekümmert, ob das mit den Plänen des weiter ſehenden Feldherrn vereinbar iſt, unbekümmert erſt recht darum, ob es den perſönlichen Steigungen des Herzogs entſpricht. Der mag es über ſich gewinnen, ſeinem zäheſten, gefährlichſten Feinde(dem Baiernherzog) zu helfen; ſo hat man es in Wien bei ſeinen Widerſachern beſchloſſen. Ja, man beſchließt nicht nur da in Wien, man geht mit ſeinen Befehlen bereits unmittelbar angreifend vor. Der Kaiſer befiehlt ſchon dem Oberſten Suys nach Baiern vorzurücken, greift alſo unmittelbar in die Beziehungen zwiſchen Feldherrn und Untergebenen ein. Gradezu in die nächſte Nähe des Herzogs ſchickt er die Verführer, die gegen denſelben hetzen, ja er wählt zu dieſem unredlichen Verfahren Diejenigen, von denen hintergangen zu werden Wallenſtein am wenigſten erwarten durfte. Als wollte


