Aufsatz 
Zur Entwicklung in Schillers Wallenstein
Entstehung
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eigenthümliche und nobele Stellung der Wallenſtein'ſchen Soldaten, er beweiſt die Nothwendigkeit zuſammenzuhalten und knüpft daran den die Entwicklung weiter führenden Vorſchlag nicht von dem Feldherrn laſſen zu wollen. Das Argument, ſonſt werde der Brotkorb höher gehängt und ihre Geltung gefährdet werden, iſt allen verſtändlich und ſo wollen ſie denn ohne Weiteres und gern zu der Schrift ſich verſtehen.

Es iſt dies im Weſentlichen daſſelbe Unternehmen daß in den Piccolomini von den Oberſten ausgeht; ein ſchriftliches, allſeitiges Verſprechen von Wallenſtein, dem Soldatenvater unter keinen Umſtänden laſſen zu wollen(weder durch Gewalt noch durch Liſt). Dieſe Erklärung wird natürlich dem Kaiſer bekannt werden und ihn nachdrücklichſt an die Unantaſtbarkeit des Feldherrn erinnern.

Aber es iſt noch eine Gruppe von Leuten im Lager, die mehr thut, als mit dem erſten Jägerden großen Schnitt bewundern oder mit dem Berufsſoldaten, dem Küraſſier in Wallenſtein den Soldatenvater nnd Feldherrn verehren; es ſind noch ſolche da, die ihn vergöttern, die ihn nicht begreifen und darum blindlings nachahmen möchten. Solch eine Carricatur, ſolch ein Wallenſtein in der Weſtentaſche iſt der unvergleichliche Wachtmeiſter und noch unbedeutender iſt deſſen zweites Ich, der Trompeter. Beide ſtammen ſie aus Eger, wie ja⸗ auch der Dialect(Meiſſen reimt auf preiſen) es andeutet. Der Herr Wachtmeiſter iſt ſchon vor dreißig Jahren als Gemeiner zu Coeln geweſen, hat es dannin der Fortuna ihrem Schiff ſo weit gebracht, daß er den Corporal, dieſe Stufe zur höchſten Macht, längſt hinter ſich hat. Inmitten derwürdigen Menge hat er außer Rang und Stand einenfürnehmen Geiſt ſich angeeignet und darf darum nicht bloß verächtlich auf denträgen und dummen Bürgersmann herabſehen, ſondern auch ſchon den Jägern und Andern ſein geiſtiges Uebergewicht darthun(Ich ſehe weiter, als Ihr alle). Er hat ja den feinen Griff und den rechten Ton um des Feldherrn Perſon herum kennen zu lernen Gelegenheit gehabt, d. h. er räuſpert ſich grade ſo und ſpuckt desgl. wie Wallenſtein. Er kennt das Tempo, den Sinn und Schick, den Begriff, die Bedeutung und auch den Blick, d. h. er hat gelernt in Grimaſſen und Gebährden den Feldherrn nachzuahmen.

Darum ſpricht er auch gern gewählt(Er denkt gar zu tiefe Sachen), und wenn ihm dazu eigene Gedanken und Worte ausgehen, redet er in Sprichwörtern(Böſes Gewerbe bringt böſen Lohn), wie denn überhaupt im ganzen Lager die Sprache den verſchiedenen Characteren äußerſt glücklich angepaßt iſt. Man denke nur an den mundartlichen niedern Ton der gewöhnlichen Soldaten, an das ſchlechte Deutſch der Kroaten, an den gelehrt komiſch und kecken Ton des Kapuziners. Unſer Herr Wachtmeiſter dagegen ſpricht von ſeinem erhabenen Standpunkte herab, von dem erdas Ganze überſchlagen kann. Werſo zur ganzen Maſſe gehört, kann nicht über das Nächſtliegende hinwegſehen. Drum enthüllt er ihm gern mit wichtiger Miene ſeine Beobachtungen. Allerdings entdeckt er nur das Aeußerlichſte, die lange Perrücke,des Friedländers heimlich Geſicht, aber das weiß er auch mit Nachdruck geltend zu machen. Drum hört man auch gern auf den aufmerkſamen Beobachter und getreuen Berichterſtatter; ſelbſt der loſe, ungebundene erſte Jäger verlangt Aufmerkſamkeitfür das Befehlsbuch, das denn, wenn es nichturkundlich referirt, in breiter Red⸗ ſeligkeit ſeine Anſichten z. B. über die Würde des Soldaten oder den Werth des Zuſammenhaltens auseinanderſetzt. Daß er von Wallenſtein die beſten Eigenſchaften ebenfalls beſitze und nur von der Fortuna vernachläſſigt ſei, indem ſeineVerdienſte im Stillen geblieben, verſteht ſich natürlich von ſelbſt. Wallenſtein hat ſich für ſein Emporkommen aber auch dem Böſen ergeben müſſen(Ihn beſchützt eine Salbe von Hexenkraut unter Zauberſprüchen gekocht und gebraut). So mag er denn oben bleiben, der Wachtmeiſter folgt ihm gern in minder hoher Stellung. Als zweiter Wallenſtein läßt er auch für ſeine Perſon den Satz geltender Gehorſam iſt blind. Und warum ſollte er nicht dem Feldherrn die zufällig erworbene höhere Stellung gönnen, da er es doch nun einmal nicht anders gewöhnt iſt und für ſeine beſchränkte Eitelkeit vollkommen Genüge findet.(Man muß uns ehren und reſpectiren) und was er noch nicht iſt, kann er ja noch werden, dennnoch nicht aller Tagen Abend iſt.Offiziere ſo verſichert er kann Wallenſtein und Oberſten machen und da ihm das Kriegsglück nimmer umſchlägt, warum ſollte er nicht endlich auch den würdigen Wachtmeiſter ehren, der von ſeinen Verdienſten nicht gern ſpricht. Alſo das iſt der Sinn ſeiner langen Reden wir gehen in kein anderes Schiff der Fortuna.

Wer aber iſt es denn, der dazu auffordern möchte? Sehen wir von dem den geiſtlichen Stand vertretenden Kapuziner ab, der heftig und derb im Lager ausſpricht, was Peter Lamormain im Stillen denkt, ſo entdecken wir noch keinen feindlichen Gegenſatz zum Feldherrn. Aber freilich hat der oben genannte luſtige Zelot ſchon einen Anfang damit gemacht die Heerde herüber zu ziehen. Die einfältigen Kroaten ſtellen ihre Fäuſte zur Verfügung. Die pedantiſchen, ängſtlichen Tiefenbacher ſcheinen auch dem Kaiſer treu bleiben zu wollen und die große Anzahl derer, die dergroßen Fluth folgen(erſter Scharfſchütz), desGlückes Stern(Dragoner), demLandesherrn(zweiter Scharfſchütz) mögen in der Gefahr dem Wallenſtein auch nicht ganz ſicher ſein.