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Schiller auch in dieſer Hinſicht zu beobachten und die geſammte Entwicklung des Hauptcharacters zu verfolgen. So ſchwer es grade dem idealen Dichter werden mochte, einen wirklichen, realen Helden wahrheitsgetreu zu zeichnen und ſo gewiß auch Schiller ſelber am allerwenigſten ſich die Größe ſeiner Anſtrengung verhehlte,— ihm wurde dabei„angſt und bange“ und mit jedem Tage fühlte er ſich der Aufgabe weniger gewachſen. Br. an Körner 4. Sept. 1794— ſo gewiß gelang es ihm doch, den gewaltigen, umfaſſenden Stoff zu bewältigen und begünſtigt durch den geſchichtlichen Inhalt ein objectives, die Wirklichkeit wahr und lebendig darſtellendes Drama zu ſchaffen. Er hatte ſich planmäßig dazu durch umfaſſende, hiſtoriſche und philoſophiſche Studien vorbereitet, hatte ſich dann dem ergänzenden Einfluſſe Göthe’s —„in deſſen Gebiet“ er mit ſeinem Wallenſtein ſich hineinwagen wollte. Br. an W. v. Humboldt den 21. März 1796,— zur weiteren Ausbildung hingegeben und nun beendete er ſeine Erziehung zum dramatiſchen Dichter durch die Abfaſſung des Wallenſtein.
Um dieſer Aufgabe ganz gewachſen zu ſein ſtudierte er noch außerdem die Poetik des Ariſtoteles; er las und arbeitete am Sophocles und Shakespeare und gewann es ſo ſeiner widerſtrebenden Perſönlichkeit ab, aus der ſubjectiven Auffaſſung ſich herauszuarbeiten. Will man den Fortſchritt, den Schiller mit dieſer Leiſtung machte, einiger Maßen würdigen, ſo vergleiche man die nächſt vorhergehende Tragödie Don Carlos, die ebenfalls der Geſchichte entnommen und durch den Umfang ſchon von dem Fleiße des Dichters zeugt. Da ſehen wir in dem älteren Drama unwahre, faſt verunglückte Characterzeichnungen und dem gegenüber im Wallenſtein abgerundete, lebenstreue und doch ſo große Geſtalten.
Zwölf Jahre des Arbeitens und Ringens hatte es freilich im Grunde gekoſtet, bis„Dichter und Held“ ſich fanden, aber dafür war das vom Dichter erſtrebte Ziel auch vollſtändig gewonnen. Er ſpricht ſelbſt in einem Briefe an W. v. Humboldt, wie klar er ſich nunmehr ſeine Aufgabe denkt.„Vordem habe ich, wie im Poſa und Carlos die fehlende Wahrheit durch ſchöne Idealität zu erſetzen geſucht, hier will ich es probiren, durch die bloße Wahrheit für die fehlende Idealität zu entſchädigen“.
So wird es denn wohl geſtattet ſein, zur Mittheilung der Vorgeſchichte in kurzen Zügen den geſchichtlichen Wallenſtein vorzuführen, um daran dann die Entwicklung des von Schiller gezeichneten Characters knüpfen zu können. Wir benutzen zu dem Zwecke die bereits erwähnte, treffliche und abſchließende Arbeit Rankes; vorzugsweiſe auf Grund ſeiner Biographie wollen wir die entſcheidenden, folgenreichen Momente im Leben des Herzogs zuſammenſtellen.
1. Im Königingrätzer Kreiſe wurde Wallenſtein 1585 geboren. Da ſeine Eltern bald ſtarben, nahm ſich ein Oheim des 12jährigen Knaben an. Er ſchickte ihn auf die Brüderunität nach Koſchumberg: aber kein Lehrer vermochte den wilden Knaben zu beherrſchen. Man nannte ihn den Tollen und ließ ihn gewähren. So wurde er nach einiger Zeit wieder fortgenommen und zu den Jeſuiten in Olmütz gegeben, wo er namentlich einen Lehrer fand, dem er gern „alles verdankte“. Aus dieſem Grunde ſcheint er auch für den Katholizismus gewonnen zu ſein, ein Umſtand, der ihn nicht hinderte auf die ſtreng lutheriſche Univerſität Altdorf darnach zu ziehen. Stets einen eigenen, ja eigenthümlichen Weg gehend, verübte er daſelbſt allerlei Streiche, die auf Drang nach Geltung, ja ſogar leidenſchaftlichen Ehrgeiz ſchließen ließen. Mit dem Beſuche von Padua beendete Wallenſtein die wiſſenſchaftliche Ausbildung, um daran die militairiſche zu knüpfen. So betheiligte er ſich an den Kämpfen gegen die proteſtantiſchen Ungarn und gegen die Türken und wurde dadurch faſt zufällig der national⸗czechiſchen Richtung entfremdet. Kirchlich gehörte ſeine Thatkraft jetzt der katholiſchen Partei, politiſch wurde er an die habsburgiſche Dynaſtie gekettet.
2. Durch Vermittlung des Erzbiſchofs von Prag verheirathet ſich der junge Wallenſtein mit einer älteren Dame(von Landeck). Sie vererbt ihm nach ihrem baldigen Tode die reichſten Mittel, eine glänzende Stellung bei Hofe einzunehmen. Im venetianiſchen Kriege ſtellt er ein eigenes Corps. Aufmerkſam und dienſteifrig nach oben, leutſelig und freigebig nach unten gewinnt er eine ſo ausgezeichnete, glänzende Stellung und entwickelt dabei einen ſolchen prunkenden Luxus, daß ein Zurücktreten in einfache, gewöhnliche Verhältniſſe mehr und mehr erſchwert wird.
3. Um dieſe Zeit war bei Hofe keine Familie angeſehener und mächtiger, als die des Grafen Leonhard Harrach. In dieſe Familie heirathete der berechnende Emporkömmling hinein. Der Vermählung mit der reichen Braut folgte die mit der vornehmen. So bahnte ſich Wallenſtein die Wege, um an der Seite des bedrängten aber unternehmungsluſtigen Ferdinand zu weiterer Geltung ſich heraufzuarbeiten.
4. Da beginnt die Verſchleuderung der böhmiſchen Güter. Wallenſtein erwirbt Friedland und Reichenberg, dazul kleinere Beſitzungen. Er wird der größte Grundbeſitzer Böhmens und erhielt darum ſeiner Bedeutung entſprechend
1623 die Herzogswürde.
5. Bis jetzt iſt Wallenſtein noch ohne gefährliche Neider. Indem er aber dem Kaiſer behülflich iſt ein
von der Liga ſelbſtſtändiges Heer zu bilden, das— in der Stärke von 20,000 Soldaten, den endloſen Troß nicht


