Aufsatz 
Zur Entwicklung in Schillers Wallenstein
Entstehung
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Zur Entwicklung in Schillers Wallenſtein.*

Des Helden Vorgeſchichte, Machtſtellung und daraus ſich entwickelnder Character.

Durch Schillers dramatiſches Gedicht iſt Wallenſtein eine dem ganzen deutſchen Volke naheſtehende, ja daſſelbe feſſelnde Perſönlichkeit geworden. Nicht deshalb, weil jener große Feldherr mit gewaltiger Hand in die Begebenheiten des dreißigjährigen Krieges eingriff, weiß der Deutſche von ihm zu erzählen. Er kennt ihn nicht aus eingehenden und ſorgfältigen Unterſuchungen; auch die anſprechendſten Berichte und Erzählungen hätten dem Herzog das Gedächtniß im Volke nicht bewahrt. Wenn Wallenſtein's Name, ſein plötzliches, übermäßiges Glück und ſein ergreifendes Ende jedem Deutſchen geläufig ſind, ſo iſt dies faſt ausſchließlich das Verdienſt des Dichters. Die Geſchichtsforſchung hat in dieſem Sinne nur wenig thun können, denn aus ihr ergeben ſich faſt nur ſolche Vorſtellungen, die ein Gedenken erſchweren oder geradezu verhindern.

Heut zu Tage ſteht es feſt, daß Wallenſtein's Thätigkeit in allen weſentlichen Fragen von Selbſtſucht geleitet wurde. Er war dabei in der Wahl der Mittel wenig wähleriſch und benutzte das Recht des Einzelnen wie das der Völker, ja ſelbſt die höchſten ſittlichen Mächte, Religion und Vaterlandsliebe nur als Werkzeuge zu ſeinen eigennützigen, fern abliegenden Zielen. Vor allen aber iſt die Thatſache für ſein Andenken von entſcheidender Bedeutung, daß das endliche Reſultat ſeiner Handlungen ſo glänzend dieſelben immerhin geweſen ſind doch ohne jede nachhaltige Bedeutung geblieben iſt. Wallenſtein hat viele und große Umwälzungen im Plane gehabt und am Ende auf die Dauer keine einzige erhebliche zu Stande gebracht.

Und dieſen ſelben Mann hat der Dichter unſterblich zu machen gewußt. Denn ihm iſt nicht die Leiſtung, ſondern die Perſon und ihr Schickſal die Hauptſache. Er verhüllt uns nicht die Schwächen des Mannes, ſondern erklärt ſie uns, ſo daß ſie in einem mildereren Lichte erſcheinen; dazu zeigt er uns am Helden auch jene mehr gemüthlichen Eigenſchaften, die in der Geſchichte in ſo fern ungenannt bleiben, als ſie auf den Gang der Ereigniſſe keinen Einfluß haben. Und doch wird erſt dadurch das Bild ein vollſtändiges und darum lebevolles. So iſt es alſo nicht bloß der engere Rahmen, der unſern Blick beſchränkt, ihn auf den Helden gewaltſam leitet und von den tauſend⸗ fachen Beziehungen zur Außenwelt ablenkt, wodurch wir ein erhöhtes und aufrichtig theilnehmendes Intereſſe gewinnen, es iſt vielmehr die unmittelbare Lebendigkeit des Helden, die unſern Antheil unwiderſtehlich in Anſpruch nimmt. Zweierlei alſo bewirkt der Dichter, erſtens, daß uns der Held auch dem Herzen nach näher tritt und zweitens, daß wir ein abgerundetes, lebendiges und darum wahres Bild von ihm gewinnen.

Und da iſt es denn eine merkwürdige Erſcheinung, daß der vom Dichtergenius concipirte und dargeſtellte Wallenſtein, ſo trübe und einſeitig die Quellen auch waren, dem wirklichen Wallenſtein, wie er jetzt nach der abſchließenden Arbeit Ranke's vor uns ſteht, gar nicht ſo ſehr fremd iſt. Auf verſchiedenen Wegen ſind beide, der Dichter und der Hiſtoriker, ziemlich zu demſelben Reſultate gekommen und ſo dürfte es doppelt berechtigt ſein,

*²) Beſondere vom Verfaſſer unabhängige Verhältniſſe machten eine Beſchränknng der Arbeit nothwendig; es iſt deshalb faſt ausſchließlich der Hauptcharacter berückſichtigt worden.