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loren. Wem aber die Revue bleue zu teuer oder zu umfangreich ist, der abonniere auf das alle acht Tage erscheinende, vorzüglich redigierte Blatt Les annales politiques er littéraires, das nicht weniger als 65,000 Abonnenten zählt und Rue St-Georges, 15 erscheint. Das Abonnement beträgt jährlich für Deutschland 7 fr. 50.— Unter den zahllosen Tages- blättern sind die besten das Journal des Débats, gemässigt republikanisch, sehr wertvolle Artikel enthaltend, zweimal täglich erscheinend(zu 20 c. und 10 c. die Nummer); der Temps, republikanisch, sehr gut über das Ausland unterrichtet(15 c.) und der Figaro, royalistisch- klerikal, sehr verbreitet(15 c.). Unter den kleineren Zeitungen sind gut redigiert Soleil, Eclair, Journal(die Nummer zu 5 c.) Um Volkshumor, Studentengeist, Chauvinismus kennen zu lernen, versäume man nicht, zuweilen ein Witzblatt, den Etudiant, den Anti-Prussien, PAlsacien-Lorrain und ähnliche Blätter zu kaufen, die zum Teil Eintagsfliegen sind und auf einseitiger Spekulation beruhen.
Von grösstem Interesse für den in der Millionenstadt weilenden Deutschen ist das Studium des Volkscharakters, der Volksanschauungen, der Sitten und Gewohnheiten, des geselligen Verkehrs, des Familienlebens und der häuslichen Erziehungsgrundsätze, sowie die Beobachtung der wohnlichen Einrichtung verschiedener Stände, der Bekleidung und Ernährung. Auch auf diesem Gebiete muss ich mich auf einige Andeutungen beschränken.
Land und Leute kann man trefflich beobachten in den Gratisvorstellungen der grossen Oper und des Théatre français, bei den Rennen, bei Faschingsaufzügen, bei Gerichtsverhand- lungen, bei Versteigerungen im Hôtel lLprouot, bei Volksversammlungen und insbesondere im Caté, aut dem Omnibus und aut den Boulevards Man wird bei diesen Gelegenheiten finden, dass der Franzose höflich, harmlos vergnügt, leicht erregbar, spontan in Kundgebungen von Freude und Schmerz, sparsam und sehr genügsam ist. Bei Volksansammlungen kann man sich ruhig mit seinem Nachbar in ein Gespräch einlassen. Der Franzose wird stets in liebens- würdigster Weise und ohne Aufdringlichkeit Rede stehen. Selbstverständlich muss man aber wie in allen grossen Städten vorsichtig sein, auf diese Weise nicht in die Hände von Gaunern zu geraten. Luangenscheidts Notwörterbuch warnt ja zur Genüge davor; man hat sich in der Gefahr nur demgemäss zu benehmen. Als ich vor einigen Jahren mit meiner Frau einmal von Paris nach Versailles fuhr, hatten wir die Ehre, das auserwählte Opfer von Bauern- fängern(bonneteurs) zu sein. Nicht weniger als sechs Schnapphähne waren aufgeboten worden; und ihr Gaunergewerbe vollzog sich, indem sie nach Art der Berliner Gauner das„Kümmel- blättchen“ spielten, genau in der mir bereits durch Langenscheidt bekannten Weise, nur mit dem Unterschied, dass ich ihre Einladung mitzuspielen gleich von vornherein geschickt ablehnte, so dass wir uns in Versailles friedlich trennten. Kaum ausgestiegen, waren sie auch schon verschwunden.
Zur richtigen Beurteilung des Charakters der Franzosen genügt es nicht, sie auf der Strasse oder im Café zu beobachten; man muss mit ihnen in nähere Beziehung treten und sie möglichst in ihrem Hause sehen. Dann wird man finden, dass sie in vieler Beziehung das Gegenteil von dem sind, was man vermutete. Wenn der Franzose auch äusserst lebhaft und gegen alle Welt zuvorkommend ist, so wird er doch selten jemand einen Blick in sein Innerstes, am allerwenigsten in sein Familienleben thun lassen. Er hat einen stark ausge- prägten Familiensinn; und das Verhältnis der Kinder zu ihren Eltern ist oft rührend. Die Mutter ist meistens die einzige Freundin ihrer Tochter, und der Vater ist der gute Kamerad seiner Söhne. Obgleich der Franzose viel auf der Strasse lebt, so ist er doch auch arbeitsam, und die Frau übertrifft in dieser Hinsicht den Mann. Sie ist ihrem Gatten eine treue Ge-


