hilfin in seinem Beruf und weiss sich stets einen unersetzlichen Platz im Hause zu erringen. So beweglich der Franzose auch im Umgang erscheint, so zeigt er sich in seinem Heim doch zumeist als Gewohnheitsmensch, der zäh am Alten kesthaäͤlt und für Neuerungen schwer zu- gänglich ist. Er ist genügsam und macht an häusliche Bequemlichkeiten nur geringe Ansprüche. Trotz der republikanischen Verfassung herrscht in Frankreich noch ausserordentlich viel Kasten- geist, und trotzdem an allen öffentlichen Gebäuden die Worte prangen Liberté, galité, fraterniteé, so sind in Frankreich die sozialen Vorurteile doch noch recht fest eingewurzelt. Das Zeigt sich besonders beim Heiraten. Zwischen Gelehrten- und Kaufmannsfamilien z. B. werden nur höchst selten Ehen geschlossen. Jede Mutter wacht sorgfältig darüber, dass ihr Sohn und ihre Tochter nicht unter ihrem Stande heiraten. Die Tochter fügt sich meist willenlos dem Wunsche der Eltern. Der Exklusivität des Familienlebens und dem herrschenden Kastengeist entspricht es, wenn der Franzose ziemlich interesselos gegen das Ausland ist. Die grandoe nation will noch immer alles aus sich selbst schöpfen, und infolgedessen finden wertvolle Reformen oft nur schwer Eingang. Das heranwachsende Geschlecht ist allerdings mehr kosmo- politisch und beginnt, sich mit offenen, unparteiischen Augen ausser Landes umzusehen.
In der Unterhaltung ist der Franzose stets lebhaft, witzig, schlagfertig; er weiss über ein Nichts viel Ammutiges zu sagen. Im geselligen Verkehr hasst er jede steife Zurück- haltung und ist wenig ceremoniell. Bei zwanglosen Zusammenkünften herrscht die grösste Mässigkeit in der Bewirtung; indes wird Wert auf die Qualität gelegt. Doch trotz dieser Ungezwungenheit beobachtet er viele kleine Ausserlichkeiten, die zum guten Ton gehören und deren Vernachlässigung dem Fremden sehr übel genommen wird. Er ist nur allzu leicht geneigt, kleine Verstösse, die wir aus Unkenntnis der Sitten und Gebräuche begehen, uns auf Konto der Unhöflichkeit, des Mangels an Takt oder, was noch schlimmer ist,„deutscher Plumpheit und Ungeschliffenheit“ zu setzen. Deshalb thut man gut, sich durch ein Buch über den guten T'on zu belehren. Empfehlenswert ist das der Baronne Staffe, Regles du savoir- vivre dans la société moderne, woraus man manche wertvolle Aufschlüsse über französische Sitten schöpfen kann. Gerade der Deutsche muss besonders auf sich achten, da er schärfer beurteilt wird als die Angehörigen anderer Nationen. Der Süddeutsche findet schon will- kommenere Aufnahme als der Norddeutsche. Ebenso gewissenhaft wie auf die Formen des Umgangs achte man auf seine Kleidung. Denn der Franzose gibt viel auf Kusserlichkeiten und nimmt sich nur selten die Mühe, in einer unscheinbaren Hülle nach einem trefflichen Kern zu suchen. Wer freundschaftlich mit Franzosen verkehren will, kann dies nur erreichen durch Aufbieten von ungemein viel Takt und Zurückhaltung, durch Vermeiden von religiösen und besonders von politischen Diskussionen. Selbstverständlich soll hiermit nicht gesagt werden, dass der Deutsche gegebenen Falls sein Nationalbewusstsein verleugnen soll.
Mögen diese Zeilen noch manchen veranlassen, die Franzosen und ihr Land aus eigener Anschauung kennen zu lernen. So viele Vorurteile über unsere westlichen Nach- barn werden dann schwinden, und andererseits werden die von unseren Dichtern so oft gepriesenen deutschen Tugenden in hellerem Lichte er- scheinen.


