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Bädeker bietet hierbei eine sehr gute Führung. Man mache nicht nur dem Louvre und dem Luxembourg ungezählte Besuche, sondern man gehe auch in die übrigen von Bädeker empfohlenen Kunstsammlungen und suche gelegentlich auch eine der bedeutenderen Privat- ausstellungen auf. Unter den letzteren sind besonders empfehlenswert die im Cercle Volnay (7, rue Volnay) und im Cercle de la rue Boissy d'Anglas, ferner die der grossen Kunst- händler,(Goupil am Bd des Capucines und George Petit in der rue de Seêze). Die Neoimpressio- nisten haben in der rue Lafitte eine permanente Ausstellung. Wer im Sommer in Paris weilt, wird sich gewiss den Besuch der beiden Salons nicht entgehen lassen.
Einen Begriff von der Staatsverfassung, von der Gerichtsbarkeit, von öffentlichen Ein- richtungen zu gunsten des Volkswohls, von dem Steuerwesen, von Volkswirtschaft, Handel und Gewerbe, vom Heerwesen, von politischen Bestrebungen, kurz von dem gesamten öffentlichen Leben erlangt man allmählich aus eigener Anschauung, sowie durch das Lesen von Zeitungen, durch Hören von Vorlesungen und nicht zum mindesten durch den Um- gang mit Gebildeten verschiedener Stände. Wem mehr Zeit zur Verfügung steht, der mag ausserdem Spezialwerke zu Rate ziehen. Man versäume nicht, die Kammerverhandlungen zu verfolgen und zuweilen die Deputirtenkammer und die Senatssitzungen zu besuchen. Zutritt ist leicht zu bekommen. Wenn man nicht durch Bekannte mit Eintrittskarten ver- sorgt wird, so befolge man zur Erlangung derselben die Anweisungen Bädekers oder man wende sich vertrauensvoll an den Concierge.
Die Titel der besten und der neuesten französischen Bücher sammelt man sich, soweit man sie nicht erfragen kann oder aus Zeitschriften ersieht, aus den Katalogen der grossen Verlagsbuchhandlungen. Von den Sortimentsbuchhändlern erwarte man keinen Rat, eher noch von den Antiquaren. Man wandle häufig durch die Arkaden des Odéon, wo die Buchhändler reiche Schätze besonders begehrter Bücher ausstellen und wo man ungehindert die einzelnen Werke durchblättern und prüfen kann. Wenn man sich so einige bibliographische Kenntnisse angeeignet hat, besuche man die Bouquinisten(Antiquare) im Quartier latin(ich empfehle besonders Mulot, 71, rue Saint-Jacques), sowie an den Seine-Quais, wo die Bücher nach Preisen zu 20, 40, 50, 80 c. u. s. f. in Kästen geordnet sind. Überall findet man für wenig Geld neben manchem Schund auch wertvolle Werke. Einzelne Nummern der besseren Revuen sind stets unter den Arkaden des Odéon käuflich. Man kann sie auch in den Cabinets de lecture gegen ein Eintrittsgeld von 25 c. lesen. Die vielseitigsten unter ihnen sind: die Revue bleue, die Revue des deux mondes, die Nouvelle Revue, die Revue de Paris, die Revue blanche, die Revue encyclopédique, die Annales politiques et littéraires. Was uns darin am meisten interessiert, sind etwa die Romane, Sittenschilderungen, die politische Rund- schau und insbesondere die Berichte über Theater, Kunst und modernste Litteratur, die von geistreichen Kritikern geschrieben sind wie Jules Lemaitre, Anatole France, Emile Faguet, Gustave Larroumet, Jacques du Fillet. Francisque Sarcey, Théod. de Wyzewa, Ernest Tissot, Henry Fouquier, Edouard Rod. Im grossen und ganzen gilt von diesen Zeitschriften, dass sie hinter den deutschen zurückstehen; vor allen Dingen fehlt den meisten die geschmack- volle Ausstattung und der Bilderschmuck unserer Familienblätter. Eine Nachahmung dieser bildet die seit einem Jahre bestehende Zeitschrift Le monde moderne. Wenn es sich darum handelt, aus den oben erwähnten Revuen eine für das eigene Haus auszuwählen, so ist in erster Linie die Revue bleue zu empfehlen. Sie kostet ohne die Revue scientifique uns hier jährlich 35 frs. In ihr legen jetzt die ersten Geistesgrössen der französischen Nation ihre Ideen nieder. Die Revue des deux mondes hat in Frankreich sehr viele Abonnenten ver-


