Aufsatz 
Ein Studienaufenthalt in Paris / Philipp Rossmann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

22

Es braucht wohl kaum hervorgehoben zu werden, dass jeder Gebildete, der in Paris weilt, sich mit den Hauptrichtungen der neueren französischen Litteratur, mit den bedeutendsten Schriftstellern und deren wichtigsten Werken vertraut zu machen hat. Hierzu bieten ausser den zahlreichen Vorlesungen und den Theatern die Revuen und besseren Zeitungen, sowie der Umgang mit gebildeten Franzosen Gelegenheit. Dabei macht man bald die Erfahrung, dass mancher in Deutschland beliebte Romanschriftsteller in Frankreich verhältnismässig wenig gelesen wird, dass z. B. eine Französin, die etwas auf sich hält, wie man mir wiederholt versicherte, Zola nicht liest, und ferner, dass viele der in Deutschland so begehrten obscönen französischen Theaterstücke nur in den Pariser Vorstadttheatern und in Theatern zweiten Ranges gespielt werden. Das Odéon legt sogar übermässige Verehrung für die klassischen Stücke an den Tag; und im Spielplan der Comédie française sind sie ebenfalls reichlich vertreten. In der blinden Hochschätzung seiner klassischen Dichter geht aber der Franzose leider so weit, neben den bedeutenden Geisteswerken von Racine und Moliere auch die derben schlüpfrigen Possen des letzteren aufzuführen. Der nüchterne Deutsche bekommt wenigstens den Eindruck, dass sie besser ungespielt blieben. Ebenso widerstrebt ihm die Pose und die hohle Deklamation bei der Aufführung aller klassischen Stücke. Doch hierin herrscht starre Überlieferung. Abgesehen vom Odéon, das für die besten Kräfte, die vom Konservatorium abgehen, eine Vorbildungsschule für das Théatre français bildet, erfährt allerdings in allen Theatern das Effektstück(piece à ffet) wie bei uns die grösste Berück- sichtigung.

Dem aufmerksamen Beobachter kann nicht entgehen, dass betreffs gewisser Kunstrich- tungen sowohl auf dem Gebiete des Theaters wie auf dem der Musik die Mode eine sehr grosse Rolle spielt. Wie ein echter Franzose guter Gesellschaft niemals wagen würde, die bei Omnibusfahrten und Theaterbesuchen so lästige Kopfbedeckung des Cylinders gegen einen beduemeren Hut zu vertauschen, weil er dadurch auffallen könnte, so wagt er auch nicht, einer allgemein anerkannten Kunstrichtung gegenüber seine eigene Meinung geltend zu machen. So erklärt es sich denn, dass Neues sehr schwer Eingang findet. Heute werden Wagner und Ibsen von der grossen Menge blind verehrt. Von Sudermann aber will man noch nichts wissen, obgleich die meisten jenen beiden ebenso fremd gegenüber stehen wie diesem. Übrigens soll nicht unerwähnt bleiben, dass sich unter den französischen Wagner-Verehrern jetzt manche sehr gründliche Kenner desselben befinden. Lesenswert ist in dieser Hinsicht das Werk des Abbé M. Hébert, Das religiöse Gefühl im Werke Richard Wagners, übersetzt von A. Brunne- mann, erschienen bei A. Schupp, München 1895. Aus diesem Mangel an selbständigem Urteil erklärt es sich auch, dass man sogar gebildeten Franzosen gegenüber kaum wagen darf, an Dichtergrössen wie Molière und Racine Schattenseiten zu finden. Es sei hier noch erwähnt, dass man die französische Jugend guter Gesellschaft nur in die Matineen, worin klassische Stücke gespielt werden, führt, dass man sie aber im übrigen streng vom Theaterbesuch fern- hält. Es ist sogar eine Redensart, dass man junge Mädchen höchstens in der Opéra comique die harmlose Dame blanche hören lässt. Der oben erwähnte 17 jährige Baron Rothschild war noch nie in der grossen Oper, weil sein Vater das nicht wünscht. Wer sich über Pariser Theater genauer unterrichten will, lese das Buch von J. J. Weiss, Théatres parisiens(Cal- mann-Lévy). Freunden der Musik empfehle ich ausser dem Theater insbesondere den Besuch der Concerts Lamoureux und Colonne.

Nicht minder aber gilt es, sich durch eigene Anschauung mit den grossartigen Leistungen der Franzosen in der Malerei, Bildhauerkunst und Architektur bekannt zu machen.