Aufsatz 
Ein Studienaufenthalt in Paris / Philipp Rossmann
Entstehung
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en Allemagne. Auch Wolfromm's vielgelesene Revue de l'enseignement des langues vivantes bringt fast in jeder Nummer Neuigkeiten aus Deutschland. Wenn in dem französischen Unter- richtswesen, wie übrigens auch anderwärts noch vieles verbesserungsfähig ist, so muss man doch anerkennen, dass die Volksbildung in den letzten 25 Jahren sehr grosse Fortschritte gemacht hat. In der Pädagogik aber befolgen die Franzosen, ihrem Charakter entsprechend, eben andere Grundsätze wie wir. Einen Hauptfaktor in der Schulerziehung bildet die Aus- bildung des Ehrgefühls. Im Gegensatz zu unseren Gewohnheiten veranlasst man deshalb einen Schüler niemals zu ungünstigen Aussagen über seine Mitschüler. Ja, das Ehrgefühl eines elfjährigen Knaben ist bereits so weit ausgebildet, dass er sich für entehrt halten würde, wenn ihn sein Lehrer körperlich züchtigte. Doch leider geht wie im ganzen französischen Volksleben auch in der Schule äussere Ehre über Ehrgefühl. Der Schüler ist weniger aus Pflichtgefühl oder aus Liebe zur Sache fleissig als deshalb, um bei der jährlichen öffentlichen Preisverteilung vor einer erlauchten Versammlung und in den Tagesblättern genannt zu wer- den. Die Eitelkeit ist einmal eine angeborene Eigenschaft des Franzosen. Daher kommt es, dass er Worte wie zanité, raniteuw höchst selten gebraucht. Welch eine Szene war es doch, als in einer Elementarschule, in der ich hospitierte, dem besten Schüler der Klasse wegen eines Vergehens mitten in der Stunde der Orden von der Brust gerissen wurde. Doch zu seiner Beruhigung wurde er ihm nach neuem mustergiltigem Betragen am Schluss der Stunde wieder angeheftet. Die Anzahl der Preise, die durch die jährlichen Wettprüfungen erworben werden können, ist durchaus keine geringe. Die zehn besten jeder Klasse haben hierauf Anspruch. Diese werden mit den Auserwählten derselben Klasse aller gleichartigen Anstalten des Aka- demiebezirks zu einer zweiten Wettprüfung vereinigt, woraus wiederum zehn Auserwählte hervorgehen. Schliesslich findet unter den 16 Akademiebezirken Frankreichs eine nationale Wettprüfung statt, an der also für jede Klasse 16 10=160 Schüler teilnehmen. Wer den qrand priæ d'honneur erlangt, geniesst die höchsten Ehren und ist für alle Zukunft geborgen. In den späteren Fachstudien sowie im Berufsleben ist ebenso jedem Gelegenheit geboten, nach äusseren Ehren zu ringen. Sie sind ja dem Franzosen der Hauptsporn zum Weiterstreben. Wie in der Schule viele Preise, so winken im späteren Leben zahlreiche Orden und Aus- zeichnungen. Als höchste Auszeichnung gilt die, Mitglied der Akademie zu werden. Man unterlasse nicht den Besuch wenigstens einer der fünf Akademieen des Institut de France, da man dort die bedeutendsten französischen Gelehrten und Schriftsteller sehen und hören kann. Um sich ein Bändchen ins Knopfloch zu verdienen, scheut übrigens der Franzose eine kleine Intrigue nicht. Die Titelsucht dagegen, wie sie in Deutschland in lächerlichster Weise floriert, wonach sogar die Frau sich den Titel ihres Mamnes beilegt, ist dem Franzosen fremd. Ihm ist jeder Herr Monsiehr und jede Frau Madame.

Wer sich über den Stand der wissenschaftlichen Sprachstudien oder über die Forschungs- thätigkeit in anderen Fachwissenschaften unterrichten will, findet hierzu Gelegenheit durch das Hören der Vorlesungen, sowie durch das Lesen von Fachzeitschriften und Spezial- werken, die auf den verschiedenen öffentlichen Bibliotheken leicht zugänglich sind Unter diesen sind am bequemsten zu benutzen, die Bibliotheque nationale, ferner Sainte-Genevieve am Panthéon und die Bibliothek der Sorbonne, sowie die Bibliotheken der einzelnen Fach- schulen, ausserdem wenn es sich um Belehrung über die modernsten religiösen Strömungen handelt, die Bibliothek des Musée Guimet. Pädagogische Werke und Lehrmittel sind ge- sammelt im Musée pédagogique(rue Gay-Lussac), das einen Besuch verdient. Wie schon erwähnt, sind die Bibliotheken von dem Schulmanne, der nur vorübergehend im Auslande weilt, möglichst zu meiden.