Aufsatz 
Ein Studienaufenthalt in Paris / Philipp Rossmann
Entstehung
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übertriebene nationale Selbstbewusstsein, das auf allzu einseitig nationaler Erziehung beruht, diese Exklusivität nach aussen sind Grundzüge des französischen Charakters. Sie hemmen das sonst hochbegabte Volk, mit dem raschen Vorwärtsschreiten anderer Nationen auf allen Gebieten gleichen Schritt zu halten; und darum sind die Franzosen schon oft mit dem Namen Chinesen Europas bezeichnet worden.

Mit einem gewissen Neid sehen wir deutschen Neuphilologen, wie die Ausbildung und Thätigkeit unserer französischen Fachgenossen trotz mancher Mängel sehr viele nicht zu unterschätzende Vorzüge hat. Der französische Staat verlangt von dem zukünftigen Lehrer nur eine kurze Studienzeit, in welcher er ihn vor allem mit dem Handwerkszeug für seinen Beruf ausstattet. Von dem gereiften Manne erwartet man, dass er sich nach Krätften in wissenschaftliche Fragen vertieft und sich in diesem Sinne weiterbildet. In Deutschland da- gegen wird für das neuphilologische Studium noch häufig genug die wissenschaftliche Thätig- keit allzu einseitig betont. Sie ist gewiss von unschätzbarer Bedeutung für unsere Aus- bildung; die meisten neuphilologischen Lehrer sind ja wohl auch für einen gründlichen Be- trieb derselben. Doch ihr zulieb darf die eigentliche Vorbereitung auf den Beruf nicht not leiden. Denn was ist immer die Folge solcher Ausbildung? Der junge Lehrer beginnt mit, falschen Idealen seine Wirksamkeit und hat sich dann durch Enttäuschungen zu neuen Idealen hindurchzuarbeiten. Seine spezialwissenschaftliche Thätigkeit muss von nun ab ruhen, so schwer er sich auch von ihr lossagen kann. An ein Nachholen aber des auf der Hochschule Versäumten kann der Neuphilologe, insbesondere der an grösseren Anstalten wirkende, kaum denken, da er nach Erteilung von wöchentlich 22 24 Stunden, zuweilen in 45 verschie- denen Lehrfächern, bekanntlich durch Vorbereitungen und Korrekturen zumeist bis spät abends im Dienste der Schule steht. Im übrigen verweise ich betreffs Vorbildung und Thätigkeit der professeurs d'allemand auf meinen Kölner VortragInwiefern unterrichten die französischen Neuphilologen unter günstigeren Bedingungen als die deutschen?(Die neueren Sprachen, III, S. 569 ff.)

Bevor wir unsere Betrachtungen über das Unterrichtswesen abschliessen, gestatte man mir noch einige Bemerkungen über Erziehungsgrundsätze in der Schule, die ebenfalls zu weiteren Beobachtungen anregen mögen.

Dem Deutschen, welcher zum ersten Male in einer französischen Schule hospitiert, wird in vielen Fällen die mangelhafte Klassendisziplin, sowie noch mehr die pädagogische Unge- schicklichkeit des Lehrers auffallen. Er wird die Befolgung der Grundsätze unserer fortge- schrittenen Unterrichtskunst, die sich bei uns jeder Kandidat in den ersten Wochen seiner Thätigkeit aneignet, dort vergeblich erwarten. Sollen wir darum annehmen, dass es sich hier um ein solches Gebiet handelt, auf dem die Franzosen hinter uns zurückgeblieben sind? Oder wäre es denkbar, dass ihrem Charakter unsere Art widerspricht, dass sie ihnen etwa pedantisch vorkommt? Ich halte das letztere durchaus nicht für ausgeschlossen. Was für den einen passt, passt noch lange nicht für alle. Thatsache ist, dass unsere westlichen Nachbarn nach den schlimmen Erfahrungen, die sie 1870/71 gemacht haben, sich ausserordentlich anstrengen, das Unterrichtswesen zu heben, und dass sie sich nicht scheuen, zu diesem Zwecke die Einrichtungen und Grundsätze ihrer Nachbarvölker, nicht zum mindesten der Deutschen ge- nauer zu studieren. Man vergleiche nur z. B. in dem diesjährigen Annuaire de l'enseigement primaire, herausgegeben von Jost(bei Colin), die wissenschaftlichen Abhandlungen. Bei weitem der grössere Teil derselben(nicht weniger als 13 Artikel) beschäftigt sich mit dem Auslande; beispielsweise erwähne ich: Les langues vwirantes en Allemagne; Les femmes et Vbenseignement