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Es verlohnt sich wirklich der Mühe, die bauliche Einrichtung der neueren Schulen, wie des Lycée Voltaire, des Lycée Montaigne, des Lycée Louis-le-Grand und insbesondere des Lycée Janson-de-Sailly genauer zu besichtigen. Das letztere hat nahezu 2000 Schüler und ausser dem Lehrpersonal ungefähr 50 Beamten.— Wer die französischen Schulbücher durchmustert, wird für seine eigenen Bedürfnisse darunter manches Verwendbare finden. Arcambeau giebt in der Zeitschr. für lateinlose höhere Schulen VI, S. 321 ff. u. S. 353 ff. eine sehr wertvolle Zusammenstellung. Wer aber die Mühe nicht scheut, sich von den bedeutenderen Verlags- anstalten, wie Hachette, Delagrave, Belin, Colin, Masson, Larousse, die für die einzelnen Schulgattungen herausgegebenen Kataloge zu erbitten und durchzusehen, der wird unter Be- fragen französischer Kollegen zu jener Liste noch manches wertvolle Buch hinzuzufügen haben. Er versäume nicht, davon einige für sich und seine Schule, für die Lehrer- und für die Schüler- bibliothek, anzuschaffen. Auch nach verwendbaren Anschauungsmitteln wird er nicht vergeb- lich suchen. Wenn man auch in manchen Lehranstalten unter den Landkarten alte Freunde aus der Heimat wieder erkennt, so will ich doch nicht unterlassen, aus dem Verlage von Colin(5, rue de Mézieres) die für unseren französischen Unterricht wertvollen Wandkarten von Frankreich(etwa No. 3, Relief du sol) und den Plan von Paris nebst Umgebung von Vidal- Lablache zu empfehlen. Ebenso mache ich aufmerksam auf die geschichtlichen Anschauungs- bilder in Hachette's Verlag.— Aus den Verlagskatalogen der einzelnen Schulgattungen lässt sich zugleich deren Lehrplan ersehen. Derselbe stimmt bezüglich der neueren Sprachen im ganzen mit unseren neuen Grundsätzen überein; jedoch halten sich die meisten Lehrer nur insofern daran, als sie die darin vorgeschriebenen Schriftsteller lesen. Man findet also die verschiedenartigsten Methoden nebeneinander vertreten.
Der Unterricht in der Muttersprache, sowie in vaterländischer Litteratur und Geschichte nimmt den anderen Fächern gegenüber die erste Stelle ein. Der französische Stil wird auf das sorgfältigste gepflegt; und obgleich jeder Franzose die Gewohnheit hat, von dem anderen zu sagen qu'il ne sait pus le français, so sprechen und schreiben doch in keinem Lande die Gebildeten mit grösserer Genauigkeit, Klarheit und Anmut. Ja, ein französischer Primaner schreibt bisweilen seine Sprache gewandter als mancher deutsche Schriftsteller. Sogar beim Doktorexamen, dem einzigen wirklich wissenschaftlichen Examen, scheuen sich die Professoren durchaus nicht, dem Doktoranden neben sachlichen Ausstellungen recht häufig auch solche stilistischer Natur zu machen. Vielfach wird von Franzosen den deutschen Gelehrten betreffs ihrer Schriften der Mangel an Klarheit vorgeworfen. Abbé Rousselot geht sogar so weit, dass er mir behauptete, Unklarheit im Ausdruck beruhe immer auf mangelhafter Vorstellung und auf einer gewissen Nachlässigkeit, zu klarer Vorstellung durchzudringen.— Bezüglich des deutschen Unterrichts verweise ich auf meinen Aufsatz in der Zeitschr. für franz. Sprache und Litt. XVII, S. 36 ff. Über den Unterricht in den neueren Fremdsprachen handelt Bréal, De l'enseignement des langues vivantes, Paris, Hachette.
Im Anschluss hieran möchte ich die Frage erörtern, ob die Franzosen, wie man so oft behaupten hört, wirklich kein Talent haben, fremde Sprachen zu erlernen. Diese Ansicht ist zwar sehr verbreitet, aber dennoch falsch. Die Franzosen sind sogar recht gut hierfür be- gabt, wie neuerdings die Erfolge in der Schule und vor allem die Fortschritte derer beweisen, welche nach Deutschland kommen, um unsere Sprache ernstlich zu studieren. Die meisten allerdings wollen sich nicht die nötige Mühe geben; sie halten es für überflüssig, neben ihrer Muttersprache, die ja, wie sie meinen, in der ganzen Welt verstanden wird, noch eine Sprache zu beherrschen und, was noch schlimmer ist, fremde Völker genauer kennen zu lernen. Dieses


