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hatte, das Verständnis der Schriftsteller auf Grund selbst gesammelter Erfahrungen und eigener Anschauungen zu vermitteln. Die Einflechtung seiner Erlebnisse und der Beobach- tungen, welche er während eines langjährigen Aufenthaltes in England gemacht hatte, fesselte unser Interesse für die Sache; und hierdurch wiederum wurde naturgemäss die Spracherlernung gefördert. Wir besassen beim Abgang von der Schule nicht nur gute Sprachkenntnisse, son- dern wer wie ich später nach England kam, fand sich in den dortigen eigentümlichen Ver- hältnissen und Sitten sofort zurecht. Hätte Hangen uns aber, einseitig aus Büchern schöpfend, über England belehrt, so würden gewiss seine Erfolge geringer gewesen sein.
Er hatte allerdings das Glück, sich während eines langjährigen Aufenthaltes in England allmählich ein geläutertes, harmonisches Urteil über dessen Bewohner zu bilden. Wer dagegen nur kurze Zeit ein fremdes Volk beobachten kann, der muss immer etwas misstrauisch sein gegenüber den Anschauungen, die er selbst gewinnt. Nur zu leicht ist man anfangs geneigt, aus einigen ähnlichen oder gar aus einer einzigen Erfahrung generalisierend voreilige Schluss- folgerungen über das fremde Volk zu ziehen. Darum empfiehlt es sich, seine Erfahrungen möglichst oft mit Bekannten auszutauschen oder ein einschlägiges, objektiv geschriebenes Buch zu vergleichen, um zu sehen, ob dadurch die eigenen Erfahrungen bestätigt werden. Ein ganz vorzügliches Werk derart ist: Karl Hillebrand, Frankreich und die Franzosen, wovon auch eine französische Ausgabe besteht. Ein solches Buch wird gleichzeitig zu weiteren Beobachtungen anregen.
Zur Erlangung der Realkenntnisse über Frankreich ist es wohl empfehlenswert, die verschiedenen Teile des Landes zu besuchen. In erster Linie aber kommt Paris in Betracht, da es mehr wie jede andere europäische Hauptstadt den Inbegriff des Landes bildet.
Im vorausgehenden Abschnitt bot sich schon fortwährend Gelegenheit, auf Realien hin- zuweisen. Die folgenden Zeilen mögen dazu dienen, denen, welche in Paris Realkenntnisse sammeln wollen, einige Winke für ihre Beobachtungen zu geben.
Vor allem interessiert uns das gesamte Erziehungs- und Unterrichtswesen. Durch den Verkehr mit Kollegen, durch Befragen von anderen französischen Bekannten, auch von Schülern, durch Hospitieren mache man sich im allgemeinen vertraut mit der Organisation des französischen Unterrichtswesens, mit den verschiedenartigen Schulen, mit der Verwaltung und Einrichtung derselben, mit den zumeist damit verbundenen Pensionsanstalten, mit der Ausbildung und Thätigkeit der Lehrer, mit Lehrziel und Lehrplan, mit Lehrmitteln, mit Prüfungen, die bekanntlich alle öftentlich sind, und mit Berechtigungen, mit methodischen und pädagogischen Fragen, sowie schliesslich mit Erziehungsgrundsätzen. Zu eingehenderer Belehrung empfiehlt es sich, das treffliche Werk von Gréard, Education et instruction, Paris, Hachette, 4 Bände, zu lesen.
Dem deutschen Schulmann bietet dieses Gebiet eine Fülle interessanter Beobachtungen und wertvoller Anregungen. Er wird unter anderen z. B. konstatieren, dass das Enseignemen! modderne in Frankreich mit denselben Vorurteilen des Publikums zu kämpfen hat wie in Deutsch- land die Realanstalten, ferner dass die mit den Lyceen verbundenen Pensionsanstalten immer mehr Gegner finden, ebenso dass die besseren Gesellschaftskreise ganz allmählich anfangen, ihre Töchter in öffentliche Schulen(Lycées) zu schicken.*) Staunend wird er stehen vor den grossartigen Schulpalästen, denen wir in Deutschland keine ähnlichen gegenüberzustellen haben.
*) Uber Mädchenerziehung in Frankreich vgl. das treffliche Werk von J. Rochard, L'education de nos filles, Paris, Hachette.


