— 17—
lehre einführt, verdienen vollstes Lob. Die feinen Lautunterschiede, die er unter Heran- ziehung seiner Zuhörer(darunter Vertreter verschiedenster Nationen) als Beobachtungsmaterial feststellt, regen zu eigenen selbständigen Beobachtungen an. Berichte über die in den Vor- lesungen behandelten Stoffe befinden sich monatlich im Maitre phonétique. Wer sich noch weiter in die Wissenschaft der Phonetik vertiefen will, nehme an den UÜbungen in der be- schreibenden Phonetik teil, welche der liebenswürdige und geniale Abbé Rousselot im Institut catholique abhält. Der ehrwürdige Herr ist ausserordentlich anregend und in Deutschland nicht nur durch seinen Phonautographen, sondern auch als Lehrer auf den Greifswalder Ferienkursen bekannt.
Keinesfalls versäume man, auf die eine oder andere Weise fleissig Ausspracheübungen zu machen. Man nehme nur nicht das häufig wiederholte Kompliment Fous n'arez pas d'accent zu leichtgläubig hin; es ist wirklich oft nur eine Höflichkeitsäusserung. Wie der fertige Sänger immer wieder seine Tonleitern übt, so muss auch derjenige, welcher sich bereits ge- wandt in der fremden Sprache auszudrücken versteht, unausgesetzt Lautübungen vornehmen. Wie oft habe ich es beobachtet, dass Ausländer, nachdem sie sich eine leidlich gute Aus- sprache angeeignet hatten, diese wieder verloren, weil sie in dem Bewusstsein, verstanden zu werden und sich rasch verständlich machen zu können, weitere Ausspracheübungen für über- flüssig hielten. Und wie geht es uns mit unseren Schülern, wenn wir sie nicht fortwährend in lautlicher Zucht halten!
8. Realkenntnisse.
Mit Recht wird von dem neuphilologischen Lehrer verlangt, dass er seinen Schülern nicht nur die Kenntnis fremder Sprachen übermittelt, sondern dass er sie zugleich mit dem fremden Kulturleben in seinen verschiedenen Kusserungen und in seiner historischen Ent- wickelung bekannt macht. Demgemäss muss der Lehrer neben umfassender Sprachbeherrschung eine allgemeine Kenntnis des fremden Volkes, seines Landes, seiner Geschichte, seines mate- riellen und geistigen Lebens, seiner Einrichtungen, seiner Anschauungen und Sitten, kurz alles dessen besitzen, was man gewöhnlich Realien nennt. Solche Kenntnisse sind ja wohl grösstenteils am sichersten und bequemsten aus Büchern zu schöpfen; auch kann die Be- nutzung von Anschauungsbildern verschiedenster Art grosse Dienste leisten. Wer jedoch seinen Schülern ein lebendiges Bild von Land und Leuten, von der Eigenart des fremden Volkes geben will, der muss dies aus unmittelbarer Anschauung kennen gelernt, er muss mit ihm längere Zeit in direkter Beziehung gelebt haben. Erst hierdurch wird er auf tausend Kleinig- keiten aufmerksam, von denen man in Büchern gar nicht spricht. Er sammelt sich persön- liche Erfahrungen und gelangt allmählich dazu, abweichende, uns auffallende Geistesströmungen und Gewohnheiten des fremden Volkes selbständig und vorurteilsfrei aus dessen eigenartigem Charakter heraus zu erklären. Kurz zur Erlangung von Realkenntnissen ist es ebenso nötig, dass der Neuphilologe das Ausland aufsuche, als zur Förderung seiuer praktischen Sprach- beherrschung.
So oft habe ich schon nach dem geheimen Mittel gesucht, durch welches mein hochver- ehrter Lehrer, Herr Dr. Ph. Hangen, der jetzt als Professor am Grossh. Polytechnikum in Darmstadt wirkt, auf dem dortigen Realgymnasium so erfolgreich das Englische lehrte zu einer Zeit, wo methodische Grundsätze der Spracherlernung noch wenig erörtert wurden. Und ich glaube heute, dass er seine guten Erfolge nicht zum mindesten dem Streben zu verdanken
3


