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eigenen Vortrags wiederholen, selbst Erlebtes erzählen und sich über alle Zweifel sprach- licher und sachlicher Natur aufklären lassen. Später mögen sich an die Sprechübungen auch Schreibübungen anschliessen, die im Nacherzählen von Gehörtem oder Gelesenem, im Schreiben von Briefen, in der Behandlung eines Aufsatzthemas, im freien Übertragen französischer Texte bestehen. Bei allen Ubungen muss der Lehrer unerbittlich verbessern, um so mehr, als im ungezwungenen Verkehr mit anderen im Eifer der Unterhaltung gar manches Falsche unge- rügt bleibt. Der Franzose ist hierin noch nachsichtiger als der Deutsche und würde sich selbst langweilig vorkommen, wollte er eine fliessende, lebhafte Unterhaltung durch Korrigieren unterbrechen. Im Verbessern desjenigen aber, welcher noch viele Fehler macht, wird der Franzose, wenn er ihn überhaupt zum Sprechen kommen lässt, sehr bald erlahmen. Selbstverständlich bittet man seinen Lehrer, auch auf lautliche Fehler zu achten. Er findet gewiss mancherlei zu tadeln, spricht das eine oder das andere Wort auch einmal vor, lässt es nachsprechen, giebt vielleicht sogar eine, wenn auch unklare Anweisung über Hervor- pringung eines einzelnen Lautes. Hernach aber bleibt alles wie zuvor. Er hält weitere Be- mühungen für nutzlos und beruhigt sich mit dem Gedanken, dass der Fremde die einheimischen Laute eben nicht nachzuahmen vermag. In Paris giebt es allerdings manche Lehrer und Lehrerinnen, die das Uben der Aussprache als ihre Spezialität behandeln und durch sorg- fältiges und erneutes Vor- und Nachsprechen gute Erfolge zu erzielen behaupten(ich nenne M. Avrillon, 54, rue Notre-Dame-de-Lorette). Jedoch eine gute, unentgeltliche Gelegenheit zur ibung der Aussprache und zugleich des Vortrags bieten die in allen Stadtteilen eingerichteten Gours de diction, die zumeist von Schauspielern geleitet werden. Sie sind ihrem Charakter und ihrer Bestimmung nach verschieden. Ich nahm Donnerstags vormittags in der Mairie du Luxembourg an einem für Elementarlehrer bestimmten Kursus des Herrn Villain, eines Schauspielers des Théatre français, teil., worin man nach eigener Wahl Stellen aus klassischen oder modernen französischen Dichtern vorlas oder frei vortrug und worauf man sich natürlich sorgfältigst vorbereitete. Da ich mich so zu sagen hier in einer geschlossenen Gesellschaft befand, so bedurfte es zur Teilnahme eines besonderen Erlaubnisscheines; zur Erlangung dieses gab ich meine Visitenkarte(und zugleich die eines Kollegen) unter mündlicher Mit- teilung unserer Bitte auf der Direction de l'Enseignement primaire im Hôtel de Ville ab, worauf mir der Directeur, M. Carriot, die„Autorisation“ umgehend in meine Wohmung sandte. Ich bin Herrn Villain zu grossem Dank für seine Bemühungen verpflichtet, habe nuch betreffs der Kunst des Vortrags viel von ihm gelernt; doch glaube ich, dass er selbst zu einer etwaigen Verbesserung meiner Aussprache wenig beigetragen hat. Il faut ouerir la bouche und ähnliche Wendungen, wie ich sie bei ihm und in anderen Kursen gehört habe, sind wohl nicht geeignet, Klarheit zu schaffen über die Artikulation eines Lautes und über das Wesen des Fehlers. Wer nicht in frühestem Kindesalter eine fremde Sprache nachahmend zu lernen Gelegenheit hatte, der kann, falls seine dialektischen Neigungen noch nicht allzu sehr ein- gewurzelt sind, im allgemeinen nur mit Hilfe phonetischer Studien sich eine gute Aussprache des fremden Idioms aneignen. Zu solchen Studien bietet wiederum Paris die allerbeste Ge- legenheit. Einer unserer bedeutendsten Phonetiker, Professor P. Passy der Ecole des hautes Etudes, hat in Neuilly gegen 10 fr. monatlich Privatunterrichtskurse für Anfänger eingerichtet, die immer sehr gut besucht werden. Wer schon aus der Heimat phonetische Kenntnisse mit- bringt, der wird mit gutem Erfolg an Passys Vorlesung und an seinen Seminarübungen in der Ecole des hautes Etudes(in der alten Sorbonne) teilnehmen. Das pädagogische Geschick und die Gewandtheit und Klarheit, mit welcher Passy in die schwierigsten Kapitel der Laut-


