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dies hatte ich vor allem der Aneignung und praktischen Ubung der in G. Plötz enthaltenen Gesprächsstoffe zu verdanken. Andere Kollegen schliesslich klagen darüber, dass es ihnen an hinreichender Gelegenheit zum Sprechen fehlt, dass ihnen die Sprechgelegenheiten im Restaurant und auf der Pferdebahn nicht ausreichen und nicht vorbildlich genug sind, dass sie trotz aller Bemühungen und Empfehlungen keinen ergiebigen Umgang mit Franzosen finden können. Unter diesem Drucke leiden sehr viele, ja die meisten. Wer in seiner Pension keine gebildeten Franzosen gefunden hat, denen er sich enger anschliessen, mit denen er den grössten Teil des Tages verbringen und die er sprachlich und sachlich fortwährend um Rat bitten kann, der ist übel daran. Von Empfehlungen an Familien oder bedeutende Persönlichkeiten erhoffe man nicht viel. Wenn man im günstigsten Falle auch einige Mal zum Diner einge- laden wird oder zuweilen am Empfangstage der Hausfrau erscheint, so wird sich bei dem exklusiven Charakter des französischen Familienlebens doch kaum ein ungezwungener Verkehr herausbilden. UÜberdies bedenke man, dass oft schon infolge der grossen Entfernungen ein häufigeres Zusammenkommen erschwert wird und dass es vielen Franzosen genau so geht, wie uns selbst, dass ihre Berufsthätigkeit ihnen mit dem besten Willen keine Zeit zur Pflege intimeren Verkehrs lässt. Immerhin suche man, wo nur möglich, wertvolle Be- ziehungen anzuknüpfen, denn ein bischen Familienverkehr ist ja immer noch besser als gar keiner, hat man so doch auch Gelegenheit, die verschiedenen französischen Gesellschaftskreise und französisches geselliges Leben aus der Anschauung kennen zu lernen. Für uns ist natur- gemäss der wertvollste Umgang der mit französischen Kollegen. Unter ihnen eignen sich am besten die Lehrer des Deutschen, die bekanntlich, wenigstens soweit die von Paris in Betracht kommen, ausnahmslos Deutschland kennen und daher Verständnis und Interesse dafür haben, mit uns deutsche und französische Verhältnisse, besonders sofern sie die Schule betreffen, ver- gleichend zu besprechen. Sie wissen aus Erfahrung, worauf der studienhalber in der Fremde Weilende sein Augenmerk zu richten hat, und können uns die besten Winke zur Förderung unserer sprachlichen und sachlichen Kenntnisse geben. Allerdings geizen auch sie trotz der geringen Anzahl von 15 Stunden, die sie wöchentlich in nur einem Fache zu geben haben, sehr mit ihrer Zeit. Denn sie haben alle eine gelehrte Nebenthätigkeit. Die meisten be- schäftigen sich mit ihrer wissenschaftlichen Weiterbildung. Viele sind hervorragend produktiv thätig; und aus ihren Reihen gehen die bedeutendsten Schriftsteller, Kritiker und Staatsmänner hervor(Duruy, About, Sarcey, Dupuy, Jules Simon). Schliesslich möchte ich nochmals her- vorheben, dass man jede Gelegenheit, gebildeten Verkehr zu pflegen, ausnützen muss. Für jüngere Herren wird sich gewiss der Anschluss an Studenten sehr empfehlen.
Wer aber keine reichliche Gelegenheit zum Sprechen hat und wer noch unbeholfen im Gebrauch der Sprache ist, der nehme Privatunterricht, je nach den Verhältnissen täglich eine oder mehrere Stunden. Er wird gewiss auf diese Weise die besten Erfolge erzielen. Wem jedoch die Mittel für diese Ausgabe nicht reichen, der findet einen Notbehelf im Konversations- austausch mit einem Franzosen, der Deutsch lernen will. Hierzu bietet sich leicht Gelegen- heit. Wichtig ist in jedem Falle, dass der betreffende Franzose eine gute nationale Bildung hat, dass er geistreich und redegewandt ist. Diese Bedingungen erfüllen ja die meisten Franzosen. Kennt er noch obendrein die deutsche Sprache und das deutsche Land, so kann das nur eine Empfehlung mehr sein. Den Gang des Unterrichts muss man allerdings manchem vorschreiben. Man wird sich, vielleicht unter Benutzung eines Buches wie Krons Petit Parisien, planmässig über die verschiedenen Vorkommnisse des Alltagslebens, über Höflich- keitsformeln, über Sitten und Einrichtungen belehren lassen, dasselbe Thema in Form eines


