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Umgangssprache, ferner dass die französische Sprache ausserordentlich oft die Neigung zeigt, den Accent von der Endsilbe auf die Stammsilbe zu verlegen, besonders unter dem Streben nach regelmässigem Wechsel zwischen starken und schwachen Silben. Er wird bei Leuten verschiedener Bildung, ja bei denselben Personen unter verschiedenen Verhältnissen eine ver- schiedene Aussprache desselben Lautes, eine ungezwungene und eine schulgerechte, finden; ich erinnere z. B. an die Aussprache des mouillierten„. Lautliche Doppelformen, wie dsseee- ous und dssoer-rous, dofit in der Aussprache" und a-u, ün m neben n om(un homme) und Xhnliches, was er nebeneinander in bester Gesellschaft hört, werden zu statistischen Beobach- tungen herausfordern. Und schliesslich wird er die Überzeugung gewinnen, dass viele gram- matische Regeln, die er in der Heimat sorgfältigst geübt hat, in der heutigen Umgangs- sprache nicht befolgt werden. Er wird sich vergeblich bemühen, in der Pariser, sowie überhaupt in der nordfranzösischen Umgangssprache ein Passé défini zu hören. Sogar in der Schülersprache ist das historische Perfekt nicht mehr beliebt. Ich habe in der Ecole alsacienne während zweier historischen Prüfungsstunden, wo also zumeist die Schüler zu sprechen hatten, danach Jagd gemacht. In der einen Stunde wurde es gar nicht gebraucht; in der anderen kam es ein paar Mal vor, aber ein Schüler musste zwei Mal wegen der falschen Bildung II conquérit statt il conquit getadelt werden; gewiss charakteristisch.— Neben diesen Be- merkungen, die ich hier nur beispielsweise anführe, wird jeder aufmerksame Beobachter viele ähnliche zu machen haben.
Mit den Hörübungen müssen Sprechübungen Hand in Hand gehen. Ja, sie müssen in der ganzen Thätigkeit des Lernenden sogar die erste Rolle spielen, und ilmen muss am meisten Zeit gewidmet werden. Dies erhellt wohl schon zur Genüge aus der Erwägung, dass die produktive Thätigkeit des Sprechens, das imitative Konstruieren der Sprache, eine viel grössere geistige Anstrengung, also auch eine umfangreichere Übung erfordert als die rezeptive Thätig- keit des Hörens und Verstehens. Verstehen und Sprechen stehen also zu einander in dem- selben Verhältnis wie auf dem Gebiete der Kunst das Kunstverständnis und die ausübende Kunst. Ausserdem aber werden bei den Sprechübungen zumeist ganz andere Themata behandelt als bei all den oben erwähnten Hörgelegenheiten. Es handelt sich bei jenen um die Sprache des täglichen Lebens, um die Ausdrücke, welche man im Verkehr mit Franzosen fortwährend nötig hat. Und nur zur Erlangung der Umgangssprache unternehmen ja viele von uns die Wanderung ins Ausland. Pberdies geben ja Sprech- oder Konversationsübungen auch fort- während Gelegenheit, das Gehör zu üben.
So einleuchtend diese Erwägungen auch sein mögen, so verharren doch sehr viele in Paris weilende Lehrer in der passiven Thätigkeit des Hörens. Manche lassen sich durch die ausserordentlich anregenden, geistreichen Vorträge der Professoren an die Sorbonne und das Collége de France fesseln; sie versäumen in unverantwortlicher Weise den wichtigsten Teil ihrer Aufgabe. Andere haben im Sprechen noch so wenig Übung, dass sie aus Scheu oder aus bereits gesammelten schlimmen Erfahrungen niemand durch ihr Radebrechen zu langweilen wagen. Wollten sie sich die Mühe geben, eines der oben empfohlenen Konversationsbücher durchzuarbeiten, so würden sie dadurch gewiss sehr bald den Mut zum Sprechen erlangen. Der Wert solcher Werke kann nicht hoch genug angeschlagen werden. Während eines mehr- monatlichen Aufenthaltes in England übte ich von Anfang an täglich mehrere Seiten aus G. Plötz, The Traveller's Companion; und als ich nach wenigen Wochen einen Engländer be- suchte, der mich vor meiner Abreise aus Deutschland vorbereitet hatte, konnte er bei mir einen wesentlichen Fortschritt in der Beherrschung der Umgangssprache konstatieren; und


