Aufsatz 
Ein Studienaufenthalt in Paris / Philipp Rossmann
Entstehung
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kritikern(Sarcey, J. Lemaitre) gehalten werden. Daneben finden im Odéon gewöhnlich Freitags abends Représentations populaires d prir räluits statt, in denen auch klassische Stücke gespielt werden. Für 1 fr. 50 kann man hierzu schon einen guten Platz bekommen. Im Gymnase wird ebenfalls vorzüglich gesprochen; seine Spezialität ist das Konversationsstück. Vaudeville und Renaissance, das Theater der Sarah Bernhardt, verdienen auch einen Besuch: sie gehören zu den petits häntres des boulerards, die sehrchic, aber auch sehr teuer sind. Der Besuch jedoch von Theatern wie Les Variétés und ähnlichen hat nur vollen Wert für diejenigen, welche die Sprache schon sicher beherrschen und mit den Parisismen vertraut sind.

Des Sonntags versäume man nicht die Gelegenheit, die grossen Kanzelredner Frankreichs zu hören, sowohl die reformierten als auch die katholischen. Die tüchtigsten Reduer unter den reformierten Geistlichen sind Wagner, Sauter und Bouzou. Bedeutender aber sind die katholischen, unter denen besonders zu nennen sind Monseigneur d'Hulst, sowie die Domini- kanerpater Monsabré, Feuillette, Ollivier, Janvier, Hébert, Didon. Über Zeit und Ort der Predigten letzterer unterrichtet man sich am bequemsten aus der Somwine religieuse, die jeden Samstag erscheint und die man für 15 c. bei Zeitungsverkäufern bekommt. Beachtenswert sind die Predigten in der Advent- und Fastenzeit, welche zum Teil nur für das höher ge- bildete Publikum bestimmt sind und sich oft mit rein philosophischen Fragen beschäftigen. Mgr. d'Hulst hält während der Fastenzeit in Notre-Dame einen Cyklus von Vorträgen, die nur für Herren bestimmt sind und die Gegenstände behandeln wie z. B. Les deroirs de P Efut. Sie werden teilweise in der Semaine religieuse abgedruckt und erscheinen auch in Buchform.

Von unschätzbarem Werte für Lehrer und Lehrerinnen ist der Besuch der Schulen, schon allein um der praktischen Spracherlernung willen. Wie bequem kann man sich in den Schulen das sprachliche Handwerkszeug sammeln, das man beim eigenen französischen Klassenunter- richt in der Heimat fortwährend nötig hat. Indem man dem Wechselgespräch zwischen Lehrer und Schüler lauscht, eignet man sich die echt nationale Schulsprache, die schultech- nischen Ausdrücke, sowie die Anweisungen an, die der Lehrer im Verkehr mit den Schülern gebraucht. Dadurch dass der französische Professor fehlerhafte Redewendungen verbessert, wird man einerseits auf eigene Fehler im Ausdruck aufmerksam, andererseits erkennt man in den getadelten Wendungen oft volkstümliche Ausdrucksweise und lernt sie von wohlgepflegter Rede bewusst unterscheiden. Man fürchte jedoch nicht, dass die jungen Franzosen in unbe- holfener Weise und in abgerissenen Sätzen antworten wie vielfach unsere Schüler und dass sie darum kein geeignetes Beobachtungsmaterial für uns seien. Schon früh zeigt der Franzose eine ausserordentliche Redegewandtheit, die sich nicht aus dem Nationalcharakter des Volkes allein erklärt, sondern die zum grossen Teil ein Ergebnis der Erziehung und des Schulunter- richts ist. Der Franzose legt auf gute Aussprache und angemessenen Ausdruck den höchsten Wert, und die Lehrverfassung der Schulen hat vor der deutschen den Vorzug, dass sie infolge weiser Beschränkung eine echt nationale ist, in welcher die Pflege der Muttersprache that- sächlich die erste Rolle spielt. Die nationale Bildung der Jugend, welche Kaiser Wilhelm II. in der Dezemberkonferenz als zu erstrebendes Ziel hinstellte,(indem er sagte:Wir sollen nationale junge Deutsche erziehen und nicht junge Griechen und Römer), wird in Frankreich durch die Einrichtung des ganzen Lehrplans sicherer erreicht als bei uns.

Um sich zugleich mit dem ganzen französischen Unterrichtswesen vertraut zu machen, besuche man sowohl die öffentlichen als auch die grossen Privatanstalten, Knaben- und Mädchenschulen, höhere Lehranstalten(&useignement secondaire classique und Eiseignement secondaire moderne) und Elementarschulen(Enseignement primaire). Die Erlaubnis für den Be-