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mann ebensosehr meiden wie das Arbeiten auf Bibliotheken, da beides dem praktischen Zwecke seines Aufenthaltes nicht entspricht.
Ausserdem hat man im Winter allabendlich Gelegenheit, unentgeltlich tüchtige Männer reden zu hören über wissenschaftliche, soziale und nationale Fragen. Die verschiedenen grossen Gesellschaften, insbesondere die Association philotechnique und die Association polytechnique, wetteifern miteinander, durch öffentliche Vorträge und Abendkurse die Bildung des Volkes 2u fördern. Neben den Anzeigen. die sich hierüber bisweilen in den Zeitungen finden, beachte man vor allem fleissig die Maueranschläge am Rathaus(Hôtel de ville), an den Bürgermeistereien (Mairies) der einzelnen Arrondissements, an Schulen, sowie an den Häusern, in welchen die bedeutenderen Gesellschaften ihren Sitz haben. Besonderer Beachtung empfehle ich die Mauer- anschläge am Hôtel des Sociétés savantes, 28, rue Serpente, einer Seitenstrasse des Boulevard St-Germain. Ferner sei noch aufmerksam gemacht auf die in geistreichem Plauderton ge- haltenen, formvollendeten Vorträge, die man von Grössen wie Mounet-Sully in der Salle des conférences auf dem Boulevard des Capucines gegen geringes Eintrittsgeld hören kann. In der Société d'économie sociale, 54, rue de Seine, hörte ich ohne irgend welche Förmlichkeiten bei Herrn Guérin zehmn lehrreiche Vorlesungen über Zusammensetzung und Aufgaben der Volksvertretung in den Parlamenten.
Auf weitere Einzelheiten lässt sich hier leider nicht eingehen; es sei nur noch den- jenigen, welche das Französische bereits gut verstehen, angelegentlichst der Besuch von Volksversammlungen und von Vortrags- und Diskussionsabenden empfohlen, wie diese Z. B. das Comité de défense et de progres social zur Aufklärung der Studenten über soziale Fragen im Hôtel des Sociétés savantes veranstaltet. Es werden dort Themata behandelt wie Lusage de la liberté et le deroir social oder Le progres social par Pinitiatire indiciduelle. Daran schliesst sich eine lebhafte Debatte, wobei zuweilen recht jugendliche Studenten ihre sozialistischen Weltanschauungen mit viel Feuer, zumeist aber mit geringer Sachkenntnis auskramen. Pfeifen und Johlen drohen oft den Übergang zu weiteren Thätlichkeiten zu bilden, und der unbe- teiligte Zuhörer sucht sich in der Nähe einer Thüre für den Notfall ein rasches Entkommen zu sichern.
Ebenso empfiehlt sich für sprachlich Geübtere der Besuch der öffentlichen Gerichtshöfe, besonders des Palais de Justice am Boulevard du Palais, wo man Leute aus den verschie- densten Gesellschaftskreisen hören und nebenbei dialektische Studien machen kann.
Wer allerdings nur mustergiltige Aussprache und tadellosen Ausdruck hören will, der verzichte auf den Besuch der Gerichtsverhandlungen. Er besuche fleissig die Pariser Schau- spielhäuser, insbesondere das Théatre trancais und das Odéon. Er lese möglichst zuvor den Text, um während der Vorstellung seine Aufmerksamkeit vor allem der Aussprache zuwenden zu können. Auch mehrfacher Besuch desselben Stückes ist zu empfehlen. Das Théatre francais, auch Comédie francçaise genannt, wird von den Franzosen geradezu für die Hochschule mustergiltiger Aussprache angesehen und zählt in seiner Truppe die ersten Künstler Frank- reichs. Die sogenannten Parterreplätze für 2 fr. 50 sind gut, können nur nicht im Vor- verkauf gelöst werden; man muss also zeitig kommen und queue stehen. Im Odéon, auch „Zweites französisches Theater“ genannt, wirken zumeist jüngere Kräfte, darunter manche hervorragende Talente, die von da aus an die Comédie française übergehen. Eine wertvolle Einrichtung in beiden Häusern sind die Matinées, in welchen klassische Dramen aufgeführt werden. Denjenigen des Odéon, die in erster Linie für die Studierenden bestimmt sind, geht eine Conférence voraus, welche von berühmten Gelehrten(Larroumet, Lintilhac) oder Theater-


