Aufsatz 
Ein Studienaufenthalt in Paris / Philipp Rossmann
Entstehung
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in dieser Familie nicht mit Landsleuten zusammenzutreffen, war eitel. Um Weihnachten kamen ungefähr gleichzeitig zwei deutsche Herren und zwei deutsche Damen an. Doch die letzteren zogen bereits nach 14 Tagen ins Hôtel Foyot am Luxembourg und nahmen eine Französin als Gesellschafterin an, und die Herren fanden nach verzweifeltem Suchen und ver- geblichem Annoncieren nach einem Monat ein anderes noch viel teureres Unterkommen.

7. Die praktische Sprachbeherrschung.

Wer eine lebende Sprache beherrschen will, der muss sowohl die Fähigkeit haben, Ge- sprochenes und Geschriebenes rasch zu verstehen, als auch diejenige, sich mündlich und schrift- lich gewandt auszudrücken. Da sich nun das Verständnis der geschriebenen Sprache sehr gut in der Heimat erlangen lässt und da ausserdem Sprechfertigkeit die natürliche Grundlage Zzum freien schriftlichen Ausdruck bildet, so handelt es sich während eines Studienaufenthaltes im Auslande vor allem um Hör- und Sprechübungen.

Was zunächst die Hörübungen betrifft, so bietet keine Stadt der Welt so bequeme und so mannigfaltige Gelegenheit hierzu als die französische Hauptstadt.

In erster Linie sind es die regelmässigen öftentlichen Vorlesungen in der Sorbonne und dem College de France, die den Lernenden anziehen. Die tüchtigsten Gelehrten der Nation sprechen dort in wohlgepflegter Aussprache und mit formgewandtem Ausdruck gemeinverständ- lich über die schwierigsten wissenschaftlichen Themata. Jedermann hat hierzu freien Zutritt. Demgemäss setzt sich die Zuhörerschaft zusammen aus Leuten der verschiedensten Stände und der verschiedensten Lebensalter; und einen nicht geringen Teil derselben bilden Ausländer, besonders Lehrer, Lehrerinnen und Studenten, die nicht nur aus wissenschaftlichen, sondern auch aus rein sprachlichen Gründen kommen. Es ist selbstverständlich für den Lehrer empfehlenswert, nach dem Indicateur des cours, den man bei dem Concierge, sowie in den Buchhandlungen kaufen kann, aus der überreichen Fülle von Vorlesungen diejenigen auszu- wählen, welche auch inhaltlich für ihn von Wert sind, also etwa solche, die sich mit fran- zösischer Geschichte, Litteratur, Kunst, Volkswirtschaft und dergleichen beschäftigen. In der Sorbonne wären demnach namentlich zu empfehlen die Vorlesungen der Professoren Lavisse und Rambaud(Geschichte), Faguet, Petit de Julleville und Larroumet(Litteratur), Lemonnier (Kunst), Marion(Pädagogik), im College de France die Vorlesungen von Deschanel(Litte- ratur), Lafenestre(Kunst). Aussprache und Ausdruck der meisten sind tadellos. Mit grossem Interesse hörte ich vorigen Winter im Colléege de France wöchentlich eine Vorlesung bei P. Leroy-Beaulieu, betiteltNationalökonomik des Handels und Gewerbefleisses(Titel des be- kannten Buches von Roscher, welches als Grundlage diente), wobei der Vortragende besonders die französischen Verhältnisse berücksichtigte. Da Brunetiere an der Sorbonne nicht mehr liest, war Larroumet verflossenen Winter der Löwe des Tages. Der Zudrang zu seiner Vor- lesung über neueste französische Litteratur, die er des Freitags nachmittags von 4 5 Uhr. hielt, war so gross, dass nur um sich einen Sitzplatz zu sichern, die zartesten Damen aus bester Gesellschaft schon um 3 Uhr angefahren kamen, um dann zunächst in der herr- schenden empfindlichen Kälte eine Stunde queue zu stehen. Auch im Institut catholique (74, rue de Vaugirard), sowie im Winter im Conservatoire national des arts et métiers giebt es sehr viel Wertvolles zu hören; ebenso in der Ecole du Louvre.

Aus besonderem Interesse für die Person oder den Gegenstand wird man natürlich auch einmal eine andere Vorlesung hören. Sprachhistorische Studien aber mõöge der Schul-