Aufsatz 
Ein Studienaufenthalt in Paris / Philipp Rossmann
Entstehung
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können durch ihren Gedankenaustausch die gesammelten Erfahrungen gegenseitig klären und sich nebenbei auch einmal ermutigen zu geduldigem Ausharren in den Entbehrungen, die sich jeder Deutsche, der Studien halber in Paris weilt, aufzuerlegen hat; denn so anspruchslos er auch immer sein mag, er wird in der Anspruchslosigkeit noch übertroffen von den französischen Familien mittlerer Stände, sowohl was die Frage der Ernährung als auch insbesondere die der häuslichen Einrichtung und Ordnung anlangt. Ein Bedenken bleibt es immerhin, dass wer mit Deutschen zusammen wohnt, diese täglich doch mindestens zwei Mal, während der Mahl- zeiten, treffen wird, während er mit einem anderwärts wohnenden Bekannten schon infolge der grossen Entfernungen nur selten in Beziehung treten kann.

Übrigens giebt es noch eine andere Art des Unterkommens, die nicht unvorteilhaft zu sein scheint und sich mehr für Junggesellen eignet. Man muss hierbei allerdings das ein- gehendere, sehr wertvolle Studium des französchen Familienlebens aufgeben. Man miete sich ein Zimmerchen in einem Privathaus oder Hôtel garni(für 40 70 frs. monatlich), esse im Restaurant, wo man allerdings zum Sprechen kaum Gelegenheit hat, und nehme sich für mehrere Stunden täglich einen gebildeten Franzosen als Gesellschafter an. Für 80 100 frs. monatlich dürfte ein solcher zu finden sein. Gewiss wird diese Art demjenigen, welcher sich im Restaurant nicht praktisch einzurichten versteht, auch recht teuer zu stehen kommen. Doch ist zu bedenken, dass er dann einen besonderen Lehrer, den sich andere zu ihrer Fort- bildung nebenbei halten müssen, nicht, nötig hat.

Wir haben gesehen, dass jede Art des Unterkommens ihre Bedenken hat; es gilt des- malb, bei der Auswahl Vorzüge gegen Vorzüge abzuwägen. Aber auf welche Weise findet man überhaupt ein Unterkommen? Da das Annoncenwesen in Paris noch wenig ausgebildet ist,*) da das Absuchen der Häuser auf die ausgehängten Wohnungsanzeigen hin auch umständ- lich und von vornherein nicht immer Vertrauen erweckend ist, Sso bringe man möglichst schon von Deutschland aus Adressen und Empfehlungen mit. Sich durch einen Freund ein Unter- kommen besorgen zu lassen, ist im allgemeinen nicht ratsam. Man steige zunächst in einem französischen Gasthofe auf der linken Seite der Seine ab(wähle einen der im Bädeker mit einem Sternchen versehenen) und unternehme von da aus in aller Ruhe die Wohnungssuche. Hierbei bietet sich gleich gute Gelegenheit, Land und Leute kennen zu lernen. Viele werden bald die Erfahrung machen, dass sie ihre Anforderungen an die Wohnung herabschrauben und ihre Pensionssumme, wenn möglich, erhöhen müssen. Sie werden finden, dass das vom Ver- mieter als grande et belle chambre gerühmte Zimmer nur zu oft ein düsterer, enger Raum mit dürftigster Ausstattung ist. Wo man ernstlich zu mieten beabsichtigt, lasse man sich genau die Bedingungen angeben und vergewissere sich, ob in der Summe alles inbegriffen ist(loge- ment, nourriture, chauffage, éclairage und serpice). Die Kündigungsfrist setze man, um spätere Streitigkeiten zu vermeiden, am besten schriftlich fest. Ich habe wie andere Gelegenheit ge- habt, hierin unangenehme Erfahrungen zu sammeln. Auf die Wohnungssuche verwandte ich nicht weniger als sechs T'age. Ich fand denn auch für teures Geld eine gebildete Familie, bei der ich während meines sechsmonatlichen Aufenthaltes ausharrte, während andere in dieser Zeit 3 bis 4 Mal umzogen. Trotz mancherlei Unbequemlichkeiten hatte ich dort doch reich- liche Gelegenheit, ein vorzügliches Französisch zu hören, mich im Sprechen zu üben und mich über französische Verhältnisse zuverlässig unterrichten zu lassen. Die Hoffnung allerdings,

*) Am wirksamsten sind noch die Anzeigen in der Montags- und Donuerstagsnummer des Matin(25, rue d'Argenteuil), auch preiswürdig, während man z. B. im Figaro für eine kurze Anzeige 10 20 frs. zahlt.