Aufsatz 
Ein Studienaufenthalt in Paris / Philipp Rossmann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

während dieser Zeit durch einen Landaufenthalt. Man benutze also die Monate August und September dazu, auch andere Teile des Landes kennen zu lernen. Am meisten Anregung bietet Paris während der Wintermonate.

Wem längere Zeit, sechs Monate und mehr, für einen Studienaufenthalt in Frankreich zur Verfügung steht, der wird unter gewöhnlichen Verhältnissen am besten zuerst auf einige Wochen in die Provinz gehen, um vor allem ohne weitere Ablenkung seine technische Fertig- keit in der Beherrschung der Sprache zu erhöhen. Dann wird er seinen empirischen Studien und Beobachtungen in Paris um so erfolgreicher obliegen können.

6. Unterkommen.

Ein zweckmässiges Unterkommen ist ohne Zweifel von grösster Wichtigkeit. Wer Vor- lesungen hören und in Schulen hospitiren will, wohnt am praktischsten in dem links der Seine gelegenen Stadtteil, der den Sitz des geistigen Lebens von Paris bildet.

Das Ideal der meisten wäre gewiss, Pension zu nehmen in einer gebildeten Familie, bei der man möglichst als einziger Ausländer recht viel Gelegenheit hat, gutes Französisch zu hören und sich im Sprechen zu üben. Doch die in Deutschland so häufigen Professoren- oder Pastorenfamilien, die es sich zum Vergnügen machen, einen bis drei Pensionäre wie Glieder der Familie bei sich aufzunehmen, sucht man in Frankreich vergebens. Ein stark ausge- prägter Familiensinn, vielleicht auch Eitelkeit verbieten dem Franzosen, dritte Personen in die Intimität seines Hauses autzunehmen. Nur durch Not gezwungen, wird sich eine Familie der besseren Stände zu diesem Schritt entschliessen. Bei der hohen Wohnungsmiete aber, die sie zahlt, sowie bei den in Paris sehr teuren Lebensmitteln muss sie von ihren Pensionären enorme Preise verlangen. 300 frs. monatlich dürfte wohl das mindeste sein, das man in einer solchen Familie für Unterkommen zu zahlen hat.

Diese Summe aber allein für Pension übersteigt die Mittel der meisten Philologen. Sie müssen also, wenn sie überhaupt daran festhalten wollen, in eine Familie zu gehen, gar vieles mit in den Kanf nehmen. Zu 200 frs. bietet sich ja zuweilen noch bei sehr geringen An- sprüchen ein annehmbares Unterkommen. Doch wer monatlich nur 150 frs. oder gar noch weniger für Pension auszugeben hat, der kann nur auf ein düsteres, höchst mangelhaft aus- gestattetes Zimmer und schlechte Verpflegung rechnen; er darf keine hohen Anforderungen an die Bildung der Pensionsgeber stellen. Ja diese werden bei dem anstrengenden, alle Kräfte absorbierenden Leben der Grossstadt trotz des besten Willens ihm nur wenig Zeit widmen können. Tags über gehen sie vielleicht ihrem Beruf nach, und während der Mahlzeiten schenken sie, abgespannt und mit eigenen Interessen beschäftigt, ihm nur wenig T'eilnahme.

Dann begebe man sich doch lieber in eines der grösseren Pensionshäuser, trotz der Aus- länder und Landsleute, mit denen man zusammentrifft. Man findet dort im allgemeinen eine bessere Verpflegung und bei dem belehrenden Zweck, den solche berufsmässig betriebene und insbesondere für Fremde bestimmte Anstalten oft mehr oder minder planmässig mit verfolgen, Auskunft über nationale Einrichtungen und Hinweise auf Beachtenswertes. Der Pensionspreis beträgt durchschnittlich 200 frs. Man lasse sich nur nicht allzusehr durch die Landsleute zurückschrecken. Ihnen wird man auch sonst schwer entgehen; ja oft ist eine Aussprache mit ihnen, die ja auch wohl zumeist in französischer Sprache vorgenommen wird, von grossem Wert. Die zu gleichem Zwecke in Paris Weilenden können sich gegenseitig auf so mancherlei, insbesondere auf die zweckmässigsten Mittel zur Weiterbildung aufmerksam machen. Sie