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überreiche Gelegenheit, sich ganz nach Neigung in ein besonderes Fach französischer Kultur- entwicklung zu vertiefen. Plätze, Strassen und Baudenkmäler nehmen sein lebhaftestes Interesse in Anspruch, bilden sie doch zum Teil den Schauplatz der grossen Ereignisse französischer Geschichte und zugleich der heimischen Schullektüre. Der Verkehr auf der Strasse, im Café, im Theater und in öffentlichen Versammlungen macht ihn in bequemster Weise mit der Eigenart des französischen Charakters, mit Volkshumor, mit den Formen des gesellschaftlichen Umgangs, mit Leuten der verschiedensten Stände bekannt.(Von weiteren Vorzügen, die Paris allen anderen Orten voraus hat, später.)
Darum sollte jeder Lehrer des Französischen mindestens einige Monate in Paris ver- bringen. Wer jedoch erst geringe Iibung in der Konversation hat und dem für einen ersten Aufenthalt nur wenige Wochen zur Verfügung stehen, der thut im allgemeinen besser, einen anderen Ort aufzusuchen. Er wird dort zumeist für weniger Geld raschere Fortschritte in der Sprachbeherrschung machen als in der Hauptstadt.
In Paris ist nämlich, wie wir später hören werden, ein gutes Unterkommen recht schwer zu finden. Die Wohnungssuche nimmt zu viel Zeit in Anspruch; und ehe man ordentlich zur Ruhe gekommen ist, muss man schon wieder an die Abreise denken. Überdies haben die Pensionsgeber, die bei den teuren Pariser Verhältnissen fast alle nach Verdienst jagen müssen, im allgemeinen nur wenig freie Zeit zur Unterhaltung der Fremden. Auch nimmt der Besuch der Sehenswürdigkeiten, auf die man nicht gerne verzichtet, der Spracherlernung viel Zeit weg. Unter diesen Umständen wähle man seinen Aufenthaltsort in der Gegend zwischen Tours und Orléans, wo ebenfalls ein gutes Französisch gesprochen wird, oder auch sonst, wo man sicher ist, mit Gebildeten zu verkehren, die sich ja im allgemeinen dem Pariser standard ganz an- passen. Ein Aufenthalt in der französischen Schweiz kann ebenfalls seine guten Früchte tragen, obgleich die Pariser das Schweizer Französisch nicht als vollgiltig anerkennen. Bei der Auswahl eines Aufenthaltsortes in Belgien dagegen sollte man vorsichtiger sein, nur dahin gehen, wo man im voraus des Uimgangs mit sprachlich gut Gebildeten ganz sicher ist. Ich benutzte als Student einmal meine grossen Ferien zu einem zweiten Aufenthalte in Bruges und habe während jener Zeit meine praktischen Kenntnisse wesentlich vervollkommnet.
Wer wiederholt Reisen nach Frankreich macht oder wer dort einen längeren Aufenthalt nimmt, hat die Verpflichtung, ausser nach Paris auch in die Provinz zu gehen, um die Eigen- tümlichkeiten der verschiedenen französischen Landschaften und ihrer Bevölkerung ebenfalls aus der Anschauung kennen zu lernen. Hierzu eignen sich Fusstouren besonders gut. Auch der Aufenthalt in einem Seebad bietet ein gutes Feld zu Beobachtungen und zum Vergleichen der Gegensätze, wie Franzosen und Deutsche oder Engländer dasselbe Element zu geniessen verstehen. Welch ganz anderen Eindruck macht doch das Badeleben in St-Valery-en-Caux oder Veules und in dem jenseits des Kanals gelegenen Brighton oder in Shanklin, sowie etwa in Borkum oder Norderney!
5. Zeit des Aufenthaltes in Paris.
Am wenigsten geeignet für einen Aufenthalt in Paris ist die Zeit von Ende Juli bis Ende September. Alle Lehranstalten, von der Elementarschule bis hinauf zur Sorbonne und dem College de France, sind geschlossen, ebenso einige bessere Theater. Die parlamentarische Thätigkeit ruht, und der grösste Teil der Pariser gebildeten Gesellschaft hat der Hauptstadt den Rücken gekehrt. Paris ist wie ausgestorben. Sogar viele Pensionsgeber erholen sich


