Aufsatz 
Ein Studienaufenthalt in Paris / Philipp Rossmann
Entstehung
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Was schliesslich die Mittel anlangt, mit denen er sich zu versehen hat, so lässt sich eine bestimmte Summe schwer angeben. Es kommt eben darauf an, wie der einzelne sich einzurichten versteht. welche Anforderungen er stellt und wie er es mit seinem Unterkommen triſtt. Immerhin wären unter bescheidenen Verhältnissen als monatliches Minimum 300 bis 500 Franken anzusetzen.(Man vergleiche hierüber meine weiteren Ausführungen S. 8.) Je grösser die verfügbare Summe ist, um so bequemer und rascher lässt sich die sprachliche Ausbildung fördern und die Kenntnis von Land und Leuten erweitern. Auf Verdienst durch Privatunterricht rechne mannicht. Er ist schwer zu finden und hindert in den meisten Fällen die eigene Ausbildung. Ich sage, in den meisten Fällen; denn unter Umständen kann ein solcher Unterricht zur Erweiterung des Horizontes wesentlich beitragen. Ich erteilte bei Rothschild dem Sohne des Hauses, der das Lycée besuchte, wöchentlich eine deutsche Stunde, wobei ich in ungezwungenem Gespräche mit Schüler, Hauslehrer oder Familie sehr gute Ge- legenheit hatte, meine Kenntnisse über französisches Schulleben und über höhere Gesellschafts- kreise zu bereichern und wo ich manche wertvolle Anregung erhielt.

Auf die Summe, welche man zu verausgaben hat, lässt man sich am besten von seiner Bank einen Kreditbrief ausstellen, so dass man an bestimmten Bankstellen in der Fremde jederzeit nach Wunsch kleinere Summen erheben kann. Für den Reisebedarf wechsle man sich hier etwas französisches Geld ein. In Paris ist als Wechsler zu empfehlen: Allard, place de la Bourse; man hüte sich vor den kleinen Wechselgeschäften, die hohe Spesen berechnen.

Im allgemeinen gilt der Satz: Je kürzer der geplante Aufenthalt ist, um so besser vor- bereitet muss man sein; und je nach der Vorbereitung und der Dauer des Aufenthaltes be- messen sich die Ziele, die man sich stecken darf.

3. In welchem Lebensalter soll man Studienreisen ins Ausland unternehmen und welches soll ihre Dauer sein?

Da mit zunehmendem Lebensalter die Geschmeidigkeit der Sprechorgane und die Lebendig- keit des Gedächtnisses, das bekanntlich bei der Spracherlernung die erste Rolle spielt, ab- nehmen, so ist es ratsam, möglichst früh einen Aufenthalt unter Ausländern zu nehmen. Das Glück, im zartesten Kindesalter die fremde Sprache mit einer Bonne zu üben, ist allerdings nicht jedem vergönnt. Die Schulzeit durch einen Aufenthalt im Auslande zu unterbrechen, hat auch seine Bedenken; denn das Schulleben ist derart eingerichtet, dass das Unterbrechen des Unterrichts auf das Fortschreiten des Schülers sehr störend wirken würde. Sollte aber nicht schon ein Ferienaufenthalt im Auslande seine wohlthuende Wirkung üben? Französische Schüler, Söhne wohlhabender Eltern, unternehmen jetzt thatsächlich solche Reisen nach Deutsch- land. Ich selbst habe als Schüler einmal meine Sommerferien in Bruges verbracht und dort während der kurzen Zeit recht hübsche Fortschritte im Sprechen des Französischen gemacht, worin ich wenig Vorübung mitbrachte. Möge sich auch bei uns das französische System ein- bürgern, wonach mehrere Schüler bei Beginn der Ferien von einem Lehrer nach verschiedenen Orten gebracht und am Schluss derselben ebenso wieder abgeholt werden.

Keinestalls sollte bei den Anforderungen, die heute an den Lehrer der neueren Sprachen gestellt werden, der Neuphilologe unterlassen, einige Semester seiner Studienzeit auf einer fremdsprachlichen Universität zu verbringen. Die dort erworbenen praktischen Sprachkennt- nisse bilden doch zweifelsohne die beste Grundlage in der Vorbereitung auf seinen zukünftigen Beruf. Auch hat er ja heutzutage die Gewissheit, dass sie ihm in der Staatsprüfung als eine