Aufsatz 
Ein Studienaufenthalt in Paris / Philipp Rossmann
Entstehung
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hat, da sie seit Jahren ein Heim für junge Ausländerinnen leitet(Paris, 26 rue de Turin) und bei der schon sehr viele deutsche Lehrerinnen ihre praktischen Sprachkenntnisse erworben haben, behauptet, dass ein Erwachsener unter den allergünstigsten Verhältnissen immerhin drei volle Jahre unter Franzosen leben muss, um sich eine nationale Aussprache anzueignen.

Wem von der Natur die oben erwähnten Vorzüge versagt sind oder wer sich nur kürzere Zeit im Auslande aufhalten kann, der muss, um eine auch nur einigermassen gute Aussprache zu erlangen, die betreffenden libungen um so fleissiger vornehmen. Doch können die eigentlichen Lautübungen sehr gut auch in der Heimat gemacht werden. Und hierbei leistet die praktische Phonetik, sowie das Lesen von Lauttexten vorzügliche Dienste. Ich kenne manche Neuphilologen, die mit dieser Hilfe, ohne jemals im Auslande gewesen zu sein, die fremde Sprache lautlich viel genauer und richtiger sprechen lernten als andere, die lange Zeit, ja oft Jahre lang im Auslande weilten. Und dank der Lautgymnastik, die jetzt auch planmässig im Schulunterricht getrieben wird, schwindet doch diegrauenhafte Schüleraussprache mehr und mehr. Da also bei den heutigen Hilfsmitteln eine lautlich richtige Aussprache in der Heimat erworben werden kann, so ist es zweckmässig, dass derjenige, welcher nur einen kürzeren Aufenthalt im Auslande nehmen will, eine gute Aussprache möglichst dorthin schon mitbringt. Ihm ist als Vorbereitung das Studium von Büchern zu empfehlen, wie: Vietor, Elemente der Phonetik, Leipzig; Passy, Les sons du francais, Paris; Passy, Le français parlé, Leipzig; Beyer und Passy, Elementarbuch des gesprochenen Französisch, Cöthen; insbesondere, trot⸗ einiger veralteten Ausspracheangaben das verdienstvolle Buch von Plötz, Systematische Dar- stellung der französischen Aussprache, Berlin. Ausserdem wird das regelmässige Lesen des Mattre Dndtique(redigiert von P. Passy), insbesondere die Partie des oves Sehr nutzbringend sein.

Im Auslande selbst wird er sich grössere Treffsicherheit im Hervorbringen der Laute, das richtige Sprechtempo, den eigenartigen Rhythmus und die nationale Intonation der fremden Sprache aneignen.

Derjenige, welcher nur kürzere Zeit im fremden Lande weilen kann, muss aus praktischen Gründen schon einige Kenntnis der Umgangssprache haben. Wofern er sich diese Ubung nicht anderweitig angeeignet hat, arbeite er vor der Reise noch konversationsbücher durch, unter denen besonders zu empfehlen sind: Plötz, Voyage à Paris, Berlin; Kron, Le petit Parisien, Karlsruhe 1895; Felix Franke, Phrases de tous les jours, Leipzig.

Xusserdem frische er vor einer Reise nach Frankreich seine Kenntnisse in französischer Geschichte, Litteratur und Kunstgeschichte auf, geschehe es auch nur deshalb, um im Umgange mit Franzosen, die im allgemeinen eine sehr gute nationale Bildung haben, Rede und Antwort stehen zu können. Ferner versehe er sich ausser mit seinem Bädeker(französische, daneben womöglich deutsche Ausgabe wegen des zuweilen abweichenden, für Deutsche oft wertvollen Inhalts) mit einem Ratgeber über französische Verhältnisse, am besten mit Langenscheidt's Notwörterbuch der französischen Sprache, Teil III, Land und Leute in Frankreich. Em- pfehlungsschreiben und Adressen für Wohnungen verschaffe er sich, so viele er nur auftreiben kann. Auch besorge er sich eine Passkarte, die er oft zu seiner Legitimation, z. B. beim Empfang von Geldbriefen, nötig hat. Hierbei sei gleich bemerkt, dass es sehr empfehlens- Wert ist, sich unter Vorlage dieses Passes auf der französischen Polizeipräfektur an- und ab- zumelden. Es braucht wohl kaum hervorgehoben zu werden, dass wer in Paris Verkehr mit guter Gesellschaft pflegen will, in seinem Anzug tadellos erscheinen muss; denn nach seinem Kussern vird er im Lande der Mode zunächst und von vielen nur beurteilt.