Aufsatz 
Ein Studienaufenthalt in Paris / Philipp Rossmann
Entstehung
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Ein Studienaufenthalt in Paris.

1. Einleitung.

Wer sich zum Zwecke sprachlicher Vervollkommmnung einmal im Auslande aufgehalten hat, weiss sehr wohl, von wie hoher Wichtigkeit es ist, möglichst rasch die richtigen Mittel und Wege zur Erreichung dieses Zweckes zu finden. Da nun neuerdings die Zahl derer wiederum wächst, welche zu eingehenderem Studium französischer Sprache und französischer Verhältnisse in Paris weilen, und da ich manchen derselben, in seinen Hoffnungen enttäuscht, von dort nach Deutschland zurückkehren sah, so möchte ich versuchen, meine im Winter 1894/95 in der französischen Hauptstadt gesammelten Erfahrungen kurz zusammenzustellen, mit dem bescheidenen Wunsche, dadurch insbesondere den Studenten und den Lehrern und Lehrerinnen, welche mit den französischen Verhältnissen nicht vertraut sind, einige Winke zu geben.

Über derartige Studienreisen im allgemeinen kann ich mich in vorliegender Arbeit kürzer fassen, da schon viele Abhandlungen hierüber vorhanden sind. Eine Beschränkung aber auf Pariser Verhältnisse empfiehlt sich um so mehr, als der Fremde gerade dort auf ganz eigen- artige Schwierigkeiten stösst, denen aus dem Wege zu gehen mancher nicht versteht und durch die ihm der Aufenthalt verleidet wird.

2. Vorbereitungen für den Aufenthalt im Ausland.

Im allgemeinen geht der Deutsche erst ins Ausland, nachdem er sich hier schon grössere oder geringere Kenntnisse in der fremden Sprache angeeignet hat. Seine Hauptthätigkeit im fremden Lande wird also danach zielen, eine umfassende Beherrschung der Umgangssprache zu erwerben und tiefer in das Geistesleben und in die Eigenart des fremden Volkes einzu- dringen. Dabei werden sich auch seine Kenntnisse in der Litteratursprache erweitern.

Betreffs Aneignung einer guten Aussprache darf man nicht das Unmögliche erwarten; keinesfalls darf man hoffen, dass sie einem als freie Zugabe von selbst in den Schoss falle. Ich weiss allerdings, dass sehr viele Lehrer in Deutschland der Überzeugung sind, das Französische ebenso gut auszusprechen wie Nationalfranzosen, können sie doch diese ber- zeugung stützen durch das Urteil mancher französischen Autoritäten. Doch sie bedenken nicht, dass die betreffenden Franzosen ihnen ja nur eine Liebenswürdigkeit sagen wollten, und ich fürchte, dass die meisten die Probe einer sizilianischen Vesper nicht überleben würden. Eine echt nationale Aussprache können nur diejenigen erlangen, welche entweder von frühester Jugend an mit Ausländern die fremde Sprache sprechen oder welche, mit vorzüglichem Gehör und geschmeidigen Sprechorganen begabt, dieser Vorzug ist eher bei Damen als bei Herren zu finden bei sehr langem Aufenthalte im Auslande unausgesetzt sorgfältige Aussprache- übungen machen. Madame la Vicomtesse du Peloux, die in solchen Fragen sehr viel Erfahrung